Kommentar

Ein Paradox

Jerusalem. Vor 50 Jahren, bei Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland, hätte sich niemand vorstellen können, das Israelis mal für deutsche Politiker schwärmen. Das hat sich geändert. Und vieles mehr. Ein Kommentar zu den deutsch-israelischen Beziehungen.

Als Deutsche in Israel hat man sich an vieles gewöhnt: die Beliebtheit Angela Merkels bei den Israelis, die schwärmerische Sicht auf Berlin, die Begeisterung für deutschen Fußball. Das beantwortet die Frage fast von selbst, wie Israelis heute Deutschen begegnen: unvoreingenommen und aufgeschlossen. Vor 50 Jahren, bei Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland, hätte sich das niemand vorstellen können. Da flogen noch Tomaten und Steine, als der erste Bonner Botschafter seinen Antrittsbesuch in Jerusalem machte.

Es ist pragmatischen Politikern, allen voran Bundeskanzler Konrad Adenauer und Ministerpräsident David Ben-Gurion, zu verdanken, dass beide Staaten wenige Jahre nach Zweitem Weltkrieg und Holocaust langsam zueinander fanden. Zuerst heimlich, die Widerstände in beiden Bevölkerungen waren noch zu groß. Aber deutsche Entschädigungszahlungen, Rüstungslieferungen und der Beginn einer Wissenschaftszusammenarbeit ebneten den Weg für den historischen Schritt, der heute offiziell gefeiert wird.

Wesentlich schwerer fiel den Deutschen die Aufarbeitung ihrer an den Juden begangenen Verbrechen. Aber auch das ist in der Breite der Gesellschaft gelungen, obgleich es ein langwieriger, oftmals quälender Prozess war, der Jahrzehnte dauerte. Ob Stolpersteine oder Holocaust-Mahnmal, so umstritten manche Formen der Erinnerungskultur sind, verstehen sie viele Israelis als sichtbares Zeichen, dass sich die Deutschen zu ihrer Verantwortung für die NS-Massenmorde bekennen.

Dennoch beherrscht ein Paradox das deutsch-israelische Verhältnis: Je intensiver die Beziehungen werden, je mehr kulturellen Austausch, wirtschaftliche Verflechtung, Regierungszusammenarbeit es gibt, desto mehr driften die Einstellungen zueinander in die entgegengesetzte Richtung. Während die israelische Öffentlichkeit ihre Vorbehalte gegen das Land der Täter abgebaut hat, wächst die Skepsis der Deutschen gegenüber dem jüdischen Staat. Israel wird meistens nur unter dem Blickwinkel des Konflikts mit den Palästinensern gesehen. Und der Schuldige für mangelnde Fortschritte im Friedensprozess steht immer schnell fest: Israel.

Hakt man nach, warum viele Deutsche glauben, Kritik an der israelischen Besatzungspolitik sei ein Tabu, stellt man meist große Unkenntnis fest. Das Argument, "aber Israel ist doch eine Demokratie, da müssen strengere Maßstäbe gelten", ist besonders perfide. Anstatt anzuerkennen, dass es dem Staat trotz ständiger Bedrohung durch Nachbarstaaten immer noch gelingt, die demokratische Verfasstheit zu wahren, wird Israel auch daraus noch ein Strick gedreht. Der Nahost-Konflikt, so Amos Oz, wird im Westen gern wie ein Hollywood-Film gesehen: Hier Gut, dort Böse. Mit Schwarz-Weiß-Malerei hat man noch nie die Wirklichkeit getreu abgebildet.