Kommentar

ESC in Baku: 12 Punkte für Engelke

Auf den deutschen Beitrag zum Eurovision Song Contest können wir stolz sein. Und damit ist nicht Roman Lob gemeint. Dessen Leistung war ja durchaus okay: Er hat eine gute gesangliche Leistung abgeliefert und dabei jene Hundewelpenblicke in die Kameras geworfen, die frau von ihm erwarten konnte und die mit zu dem ordentlichen achten Platz beigetragen haben dürften. Dankeschön, Roman, und auf Wiedersehen! Nachhaltig beeindruckt hat dagegen die Komikerin und deutsche Jury-Präsidentin Anke Engelke.

Ihr ebenso charmanter wie deutlicher Seitenhieb auf das Regime in Baku, vor einem Millionenpublikum garniert mit einer kleinen Drohung ("Europa beobachtet euch!"), war ein vorbildlicher Ausweis von Zivilcourage. Da kann man nur sagen: Danke, Anke - bitte mehr davon!

Engelke brauchte zum Ende der Show nur wenige Sekunden, um dem autoritären Machthaber Aserbaidschans, Ilham Aliyev, einen Strich durch die Rechnung zu machen. Weil sich bis dahin niemand traute, die pompöse Aufführung durch politische Aussagen zu stören, wäre seine Imagekampagne fast geglückt. Immer wieder wurde während der Sendung eine funkelnde, finanziell und kulturell reiche Hauptstadt gezeigt, in der glückliche Menschen im Wohlstand leben. Was hätte man auch sonst erwarten sollen? Dass ein Autokrat plötzlich Selbstkritik zeigt, Armut, Korruption und Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land weltöffentlich anspricht? Stattdessen gefiel sich Aliyev darin, in einem Akt absurder Machtdemonstration auch noch seinen talentfreien Schwiegersohn auf die Bühne zu stellen, dessen vorgetragenes Liedchen sogar dürftiger war als die zuvor gezeigten bizarren Darbietungen russischer Großmütterchen oder irischer Springteufel.

"Europa beobachtet euch!" So einfach legt man durch all den blendenden Glanz hindurch unter anderem den Blick auf jene Demonstranten frei, die vor dem 500-Millionen-Euro-Spektakel brutal festgenommen worden waren. Engelke knüpfte direkt an eine gute Tat der siegreichen Sängerin Schwedens, Loreen, an, die im Vorfeld als einzige Künstlerin Oppositionelle Aserbaidschans besucht hatte. Nicht einmal die Organisatoren von der Europäischen Rundfunkunion hatten sich zu einem solchen Bekenntnis durchringen können. Ohne Engelke wäre die Show das gewesen, was sie immer ist: eine durchgeknallt-bunte Aufführung, in der verrückte Outfits und Turnübungen davon ablenken sollen, dass die meisten Sänger keine Sänger sind, und am Ende schanzen sich Griechenland und Zypern gegenseitig zwölf Punkte zu.

Danke, Anke! Du hast Maßstäbe gesetzt, wie man fröhlich Feste feiern kann, ohne den Blick auf die politischen Umstände zu verlieren. Vielleicht macht es Dir ja der eine oder andere Fußballprofi in der Ukraine nach. Schön wär's ...