Durchbruch im Kita-Tarifstreit - Bsirskes Einsichten

In vielen Familien dürfte es gestern den einen oder anderen Seufzer der Erleichterung gegeben haben. Denn wenn die Gewerkschaftsbasis diesmal mitspielt, wird es keine weiteren Streiks in den Kindertagesstätten geben.

Der von Verdi angekündigte heiße Herbst fällt also aus. Gut so. Vielen Omas oder Opas wird das intensive Zusammensein mit ihren Enkeln während der langen Streikwochen im Frühjahr zwar viel Freude gemacht haben, doch in den allermeisten Familien dürften die Belastungen viel stärker ins Gewicht gefallen sein als der Spaßfaktor.

Dass Verdi-Chef Frank Bsirske seinen markigen Worten, es werde einen noch härteren, noch längeren und noch teureren Arbeitskampf geben, keine Taten folgen ließ, hat wohl damit zu tun, dass er zweierlei eingesehen hat. Einerseits wäre ein neuer Streik äußerst unpopulär gewesen, mehr noch als im Mai. Andererseits wäre es sehr fraglich gewesen, ob mit Hilfe der Kampfmaßnahmen mehr Geld für die Beschäftigten hätte herausgeholt werden können als durch intensive Verhandlungen.

Bsirske ist ohnehin der Verlierer des Kita-Tarifkonflikts. Erst schürte er mit überzogenen Forderungen von im Schnitt rund zehn und in der Spitze von bis zu 20 Prozent mehr Geld falsche Erwartungen bei den Arbeitnehmern, dann musste er in den Verhandlungen Stück für Stück zurückrudern und nahm schließlich einen Schlichterspruch an, den ihm seine Basis wiederum um die Ohren haute. Merke: Weniger Theater, aber auch eine größere Nähe zur Basis können manchmal hilfreich sein.

Trotzdem kann sich das Ergebnis von Hannover insgesamt sehen lassen. Gerade für die jüngeren Erzieherinnen und Erzieher sind in der neuen Verhandlungsrunde spürbare Verbesserungen herausgekommen. Der Einstieg in eine Aufwertung des Sozial- und Erziehungsdienstes sei geschafft, jubelten Gewerkschaftsvertreter gestern. Dass sich die kommunalen Vertreter, die das Schlichterpaket gar nicht mehr aufschnüren wollten, dem nicht verweigert haben, zeigt: Arbeitnehmer wie Arbeitgeber wollen, dass der Erzieherberuf attraktiver wird. Heute ist es doch leider immer noch oft so, dass sich junge Menschen, wenn sie sich über Berufe informieren, beim Blick auf Gehaltstabellen von dem Gedanken verabschieden, Erzieher zu werden.

Vor wenigen Wochen hat die Bundesregierung mitgeteilt, dass sie bei der aktuellen Flüchtlingsprognose für dieses Jahr mit 68 000 zusätzlichen Kita-Kindern rechnet. Außerdem fehlen nach Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung bundesweit 120 000 Erzieher für eine hochwertige frühkindliche Betreuung. Beide Zahlen zeigen: Es ist höchste Zeit, die Erzieher nicht nur angemessen zu bezahlen, sondern auch in ihre Aus- und Weiterbildung zu investieren. Damit sie gerade jenen Kindern, die es schon in der frühen Phase des Lebens schwer haben, zu guten Perspektiven verhelfen können.