Kommentar

Die USA und die Krise im Irak: Mit langem Atem

Ohne Kurskorrektur der auf Ausgrenzung setzenden Regierung in Bagdad wird jeder Einschüchterungsangriff gegen die islamistischen Terrorbanden der Isis verpuffen.

Mit diesem Argument entzieht sich Barack Obama dem Ruf nach einem schnellen und starken militärisch-diplomatischen Signal Amerikas, um den Irak vor dem Kollabieren zu bewahren. Was plausibel klingt, bekommt in der Gesamtschau einer katastrophal instabilen Region einen bitteren Beigeschmack. Es zeigen sich Symptome von Ignoranz und Desinteresse.

Das Weiße Haus wusste, dass sich zwischen Syrien und dem Irak eine dunkle Macht ausbreitet, die das Zeug zu einer Al-Kaida XXL besitzt - es hat die Dinge laufen lassen. Das Weiße Haus wusste nach vielen verlorenen Jahren mit dem überforderten Mini-Diktator Nuri al-Maliki, dass die Regierung in Bagdad diesem Gegner nicht gewachsen sein würde. Das Weiße Haus wusste schließlich, dass die Weltgemeinschaft Washington in Haftung nehmen wird, wenn der Irak wieder in Flammen steht - es scheint Obama nicht wirklich zu kümmern.

Seine Strategie der Nichteinmischung und des aus der zweiten Reihe Drohens hat sich vor die realen Verhältnisse geschoben. Es wird Zeit für eine andere Sichtweise; gerade im Fall Irak. Wer wie die USA ein Land zerbricht, es danach stümperhaft wieder zusammensetzt und von der Baustelle flieht, wenn die traumatisierte Belegschaft sich gegenseitig wieder an die Gurgel geht, handelt verantwortungslos.

Der Führer der freien Welt, als der sich Amerika noch immer sieht, muss endlich aufhören, Einbildung an die Stelle von Erkenntnis zu setzen. Die Lage im Irak war nie stabil, die Mission nie wirklich beendigungsreif, Al-Maliki immer ein grauenvoller Hemmschuh auf dem Weg der religiös-nationalen Annäherung und der überstürzte Abzug der US- Truppen 2011 ein Fehler. Dass Bagdad den USA die Tür wies, entschuldigt den Präsidenten ihn nicht. Obamas Mantra, dass Amerika seine Kriege "verantwortungsvoll" beendet, wirkt angesichts der Bilder aus dem Irak wie Hohn. Den Taliban in Afghanistan und Pakistan wird das, was Amerika jetzt im Irak tut oder unterlässt, Bedienungsanleitung für die kommenden Jahre sein.

Wenn vom Libanon über Jordanien und Syrien bis in den Irak religiöse Extremisten mit Blut eine ideologisch verseuchte Schneise schlagen, wünscht man sich kein Amerika im Passiv-Modus. Sondern eine Führungsmacht, die den zerstörerischen Kräften entgegentritt. Nicht allein mit Feuerkraft. Sondern im Maßstab eines Marshall-Plans mit langem Atem. Und gemeinsam mit anderen wie Iran oder Russland, ohne die sich der Aktionsradius der Sektierer nicht verkleinern lässt. Amerika kann sich im Irak nicht länger den Rückwärtsgang erlauben. Es hat zu viel gutzumachen. Im Grunde genommen: alles.