Kommentar

Die Außenpolitik der USA - Obamas Mittelweg

2017 geht der außenpolitisch vorsichtigste amerikanische Präsident seit Ende des Kalten Krieges in Pension. Bush, der Ältere, zog in den ersten Golfkrieg.

Unter Clinton wurde auf dem Balkan bombardiert. Die Rache von Bush II an Al Kaida führte die USA nach Afghanistan und in den Irak. Unter Barack Obama legen die USA militärisch den Rückwärtsgang ein. "Leading from behind" heißt es in seiner außenpolitischen Betriebsanleitung. Führen aus der zweiten Reihe.

Für Kritiker ist das eine Einladung an geopolitische Geisterfahrer. Sie rufen nach klarer Kante und altem Dominanz-Gebaren. Und verkennen dabei, dass Amerikas Handeln in der Welt seit dem Ersten Weltkrieg immer einem Wechselspiel von Interventionen und Rückzügen gehorchte. Gerade ist Rückzug. Ab Januar 2017 kann wieder alles anders werden.

Warum sah sich der Präsident gestern genötigt, seiner außenpolitischen Erzählung einen neuen Klappentext zu verpassen? Obama sieht sich national wie international einem permanenten Hasenfüßigkeits-Verdacht ausgesetzt. Ihm wird unterstellt, die Welt fahrlässig zu destabilisieren. Durch Zuwarten und Nichtstun. Das ist abwegig und unfair.

Gewiss, der von ihm eingeschlagene Mittelweg aus Einmischung und Raushalten von Fall zu Fall mag aus europäischer Sicht wie extremes Zickzack anmutet - mit völkerrechtlich fragwürdigen Drohnen-Angriffen gegen potenzielle Terroristen auf der einen Seite.

Und für den Despoten Assad folgenarmes Rote-Linien-Ziehen in Syrien, wo unter Duldung Washingtons 160 000 Zivilisten zwischen den Fronten eines furchtbaren Bürgerkrieges gestorben sind, auf der anderen. Diesen Widerspruch auszuhalten, fällt zugegeben schwer. Aber niemand, auch nicht die forschesten Republikaner, die Obama notorisch zum Schwächling stempeln, haben bisher überzeugende Alternativen präsentiert.

In einer Welt, die durch den Aufstieg Chinas und das Wiedererwachen Russlands keinen übermächtigen Gravitationspunkt mehr besitzt, ist Amerika nicht falsch beraten, vor jedem Ruf nach Konfliktschlichtung die eigenen Begrenzungen zu erkennen. 13 Jahre nach den traumatischen Attentaten des 11. September und zwei Kriegen, die hinter allen Zielen zurückgeblieben sind, ist das Land kriegsmüde, finanziell ausgelaugt und desillusioniert.

Daraus den Niedergang Amerikas zu lesen, wäre aber schon allein aufgrund der sich schon bald geostrategisch auswirkenden Energiereserven falsch. Militärisch bleiben die USA jeder anderen Macht auf Jahrzehnte überlegen. Kein anderes Land hat zudem die Kraft, Netzwerke zu schaffen und Bündnisse am Leben zu erhalten. Mögen sie auch - siehe Israel/Palästina, Arabischer Frühling, Iran - nicht immer zu den erhofften Ergebnissen führen.

Die Supermacht USA wird nicht in Rente gehen. Aus einem an Hybris erkrankten Alleinvertretungsanspruch wird allmählich ein globaler Mitgestaltungsanspruch. Ein Amerika, das eher abwartet als nach vorne prescht, das zuerst Mitstreiter sucht, statt Alleingänge zu reiten, das potenzielle Gegner wirksam abschreckt und in einen Dialog mit ihnen tritt. Man hat schon schlechter über Amerika reden müssen.