Kommentar

Deutsch-Schweizerische-Beziehung - Besser zuhören

Der große Kanton. Unter diesem Namen ist Deutschland in der Schweiz bekannt. In der Bezeichnung für den mächtigen Nachbarn schwingt das Verbindende mit: Schweizer und Deutsche benutzen dieselbe Schriftsprache, sie halten Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Disziplin und Hartnäckigkeit hoch, und sie fallen mitunter mit einem Hang zum Peniblen auf.

Gerade aber weil Schweizer und Deutsche in vielen Bereichen gleich ticken, will man beim kleinen Nachbarn eine allzu starke Nähe vermeiden. Die Eidgenossen erkennen ihre eigenen Stärken und auch ihre eigenen Schwächen bei den Deutschen oft wieder. Viele Deutsche wiederum übersehen die Schweizer.

Jetzt besuchte Bundespräsident Joachim Gauck die Eidgenossenschaft. Er kam in einer Zeit, in der die Distanz der ungleichen Partner groß ist. Zumal das Ja der Schweizer zu den verschärften Einwanderungs-Plänen der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei (SVP) in Berlin für Irritation sorgt. Die SVP-Volksinitiative gegen die "Masseneinwanderung" zielte gegen die Deutschen, die Populisten um den Milliardär Christoph Blocher schreckten vor schriller Stimmungsmache gegen die 300.000 Bundesbürger in Helvetien nicht zurück.

Auch der Steuerstreit erhitzt die Gemüter. Der Zwist rückt durch den Fall Uli Hoeneß einmal mehr ins Rampenlicht. Die Schweiz gilt etlichen Deutschen noch immer als Trutzburg für Steuersünder, als ein undurchsichtiger Finanzplatz, von gierigen Bankiers beherrscht, denen es völlig gleichgültig ist, woher die Gelder stammen. Grüezi, bei welchem Delikt dürfen wir Ihnen bitte helfen?

Doch gerade das Ja zur SVP-Initiative und der Steuerstreit zeigen: In Deutschland herrscht eine Unkenntnis, die die Kluft zwischen den beiden vertieft. Helvetiens direkte Demokratie führt oft zu harten Entscheidungen. Die Zustimmung zu den SVP-Plänen ist so eine Entscheidung. Das ist der Preis der direkten Demokratie.

Auch im Konflikt ums Schwarzgeld sollten die Deutschen genauer hinsehen: Die Schweiz ändert sich, der internationale Druck wirkt. Die Eidgenossen haben das unrühmliche Bankgeheimnis für Ausländer so gut wie abgeschafft. Banken drängen ihre deutsche Kunden, reinen Tisch zu machen. In den Geldhäusern von Zürich und Genf und in der Hauptstadt Bern macht sich die Erkenntnis breit: Das alte Geschäftsmodell hat ausgedient. Der rote Teppich für Steuerhinterzieher wird eingerollt.

Wollen Schweizer und Deutsche ihre Distanz verringern, müssen sich beide Seiten bewegen. Die Schweizer sollten ihre Eigenarten und ihre Politik besser verkaufen. Zumal die direkte Demokratie und ihre nicht ganz freiwilligen Bemühungen, einen neuen Finanzplatz zu etablieren, erklärungsbedürftig sind. Die Deutschen wiederum sollten besser zuhören.