Kommentar

Der falsche Schritt

Bonn. Tagesbezogen hat die SPD in Bremen kräftig einen auf die Mütze bekommen. Langfristig, also auf Dauer der Wahlperiode gesehen, haben sie vermutlich dennoch eine Mehrheit. Insofern haftet dem plötzlichen Rücktritt des Bremer Bürgermeisters so etwas wie Flucht an. Ein Kommentar zu Jens Böhrnsens Amtsverzicht.

Man kann ein Wahlergebnis kurz- oder langfristig werten. Tagesbezogen haben die Koalitionspartner von Bremen, SPD und Grüne, kräftig einen auf die Mütze bekommen. Langfristig, also auf Dauer der Wahlperiode gesehen, haben sie vermutlich dennoch eine Mehrheit (denn das Wahlergebnis wird wegen des komplizierten Wahlrechts erst morgen feststehen). Der Vorsprung der SPD zum Zweitplatzierten ist fast so groß wie die Verluste der regierenden Koalition an der Weser. Das heißt: Eine überzeugende Alternative gab und gibt es in der Hansestadt nicht. Insofern haftet dem plötzlichen Rücktritt des Bremer Bürgermeisters so etwas wie Flucht an. Es ist der falsche Schritt.

Der Verwaltungsrichter Jens Böhrnsen hat das Mini-Land in der Nachfolge von Henning Scherf ein Jahrzehnt lang ruhig, unauffällig, aber durchaus seriös regiert. Zu unauffällig - und das könnte das Wahlergebnis vom Sonntag erklären.

Ein Teil der (Nicht-)Wähler dürfte tatsächlich unzufrieden gewesen sein mit den Regierungsleistungen der vergangenen vier Jahre. Was wiederum zu einem wesentlichen Teil der natürlichen Abnutzung einer Dauerregentschaft zuzuschreiben ist. Ein anderer Teil aber ist offensichtlich zu Hause geblieben, weil allen im Wahlkampf Beteiligten zu klar schien, dass alles beim Alten bleiben würde. Das Bremer Ergebnis belegt wieder einmal: Der Bürger ist der Souverän, nicht das Meinungsforschungsinstitut. Besonders die SPD steht jetzt vor schweren Zeiten. In Bremen, wo ein Nachfolger fehlt, in Berlin, wo der Rückenwind ausbleibt.