Kommentar

Bevölkerungsentwicklung - Das Land vergreist

Die Deutschen werden weniger - und immer älter. Die Nachricht könnte der Stadtgesellschaft in Bonn oder Köln fast egal sein.

Denn anders als andere Regionen schrumpft die Rheinschiene nicht, sie boomt: Keine andere Stadt in Deutschland legt bei den Einwohnerzahlen so zu wie Köln - eine Erfolgswelle, die von jungen, erwerbstätigen Zuzüglern und von ausländischen Zuwanderern getragen wird.

Der Boom hier - genau wie der Niedergang anderswo, etwa im Sauerland oder in Hoyerswerda, wo sich eine steile Abwärtsspirale weiter beschleunigt - hat Konsequenzen für die öffentliche Planung. Der Kita-Ausbau muss weitergehen, auf Lehrerstellen können Schulen nicht mehr verzichten. Wachstumsmagneten wie Bonn, Köln und Düsseldorf nehmen mehr Geld ein und müssen Mittel investieren - in Infrastruktur, Personalaufstockung, den öffentlichen Nahverkehr.

Stehen anderswo die Zeichen auf Rückbau ganzer Straßenzüge oder Straßenbahnnetze, steht die Rheinschiene vor ganz anderen Herausforderungen. Wohnraum wird knapp, eng und teuer. Für die Städter heißt das: mehr Verdichtung, Mondpreise fürs Wohnen, Verlust von Flair.

Attraktive "Schwarmstädte" wandeln sich schnell zu Haifischbecken, in denen Durchschnittsverdiener keine erschwingliche Bleibe finden und die Entmischung der Sozialstruktur Szene-Viertel sterben lässt. Ist so viel Popularität wünschenswert oder problematisch?

An der bundesweiten Tendenz ändert das rheinische Erfolgsmärchen nichts. Insgesamt schrumpft und vergreist das Land. Allein die Zuwanderung bremst diesen Trend etwas. 429 000 Menschen kamen 2013 aus dem Süden und Osten Europas und machten Deutschland weltweit zum zweitbeliebtesten Einwanderungsziel. Das reicht gerade eben. Wenn die Netto-Zuwanderung aus dem Ausland jährlich nur 200 000 Erwerbstätige betragen würde, schrumpft Deutschland bis 2050 um zehn Millionen Bürger.

Auch die Demografie ändert sich. Jeder Dritte ist 2060 älter als 65 Jahre. Es mag daher für Pegida-Anhänger eine besondere Ironie sein, dass Zuwanderer nicht für den Untergang des Abendlandes, sondern für die Finanzierung des Rentensystems sorgen. Nur: Ist die Gesellschaft vor dem Hintergrund der jüngsten Brandanschläge überhaupt offen für Migranten?

Es bleibt Aufgabe der Politik, die dringende Notwendigkeit von Zuwanderung als Mittel gegen Überalterung zu kommunizieren - und für ein positives Szenario zu sorgen. Dazu gehört, dass Asylbewerber in Ausbildung nicht abgeschoben werden, dass in Neuankömmlinge durch Sprach- und Qualifikationskurse stark investiert wird, dass Lebensläufe mit ausländischen Namen nicht aussortiert werden.

Ob Deutschland für Zuwanderer attraktiv bleibt, steht und fällt mit dem Klima im Land. Welche Region, wenn nicht die Rheinschiene, könnte vormachen, wie's erfolgreich klappt?