Kommentar

Arabischer Frühling - Gescheiterte Träume

Bonn. Es war die Jasminrevolution in Tunesien, die Ende Dezember 2010 eine ganze Serie politischer Erdbeben in der arabischen Welt auslöste. Ein Diktator nach dem anderen wurde aus dem Amt gefegt, Aufbruchstimmung machte sich breit - doch geblieben sind von all dem kaum mehr als gescheiterte Träume.

In Ägypten haben die Militärs die Macht zurückerobert, Libyen ist im politischen Chaos versunken, Syrien im Bürgerkrieg, und der Jemen steht immer wieder kurz davor. Die Bilanz ist zutiefst ernüchternd: Nicht Demokratie, nicht freiheitliches Denken sind gestärkt aus diesen Umwälzungen hervorgegangen, sondern radikalislamistische Strömungen, angefangen von Salafisten über Al Kaida bis hin zu jener menschenverachtenden Variante des Terrorismus, die sich "Islamischer Staat" nennt.

Einzig Tunesien ist es bisher - wenn auch unter erheblichen Geburtswehen - gelungen, auf dem Weg der Demokratie voranzukommen. Die neue Verfassung wahrt die nach der Unabhängigkeit begründete, säkular geprägte Tradition, die Tunesien zu einem der liberalsten Länder der arabischen Welt gemacht hat. Sie garantiert Glaubens- und Gewissensfreiheit ebenso wie die Gleichstellung von Mann und Frau. Dies allein ist in der rückwärtsgewandten Ideologie des "Islamischen Staates" Grund genug, das Land zur Zielscheibe des Terrors zu machen.

Insofern ist der Anschlag auf das Museum in Tunis von zynischer Konsequenz: Er trifft einen Tempel der Kultur, die den Steinzeit-Islamisten so verhasst ist, findet in unmittelbarer Nachbarschaft zum Parlament, dem Hort demokratischen Denkens, statt, richtet sich gegen westliche Touristen, also "Ungläubige", und schadet damit dem Staat, der so anders ist als das eigene Ideal des islamischen Gottesstaates. Vor allem aber führt dieser Anschlag überaus drastisch vor Augen, was angesichts der politischen Erfolgsgeschichte der Jasminrevolution vor allem vom Westen gern verdrängt wurde: Auch in Tunesien haben die Dschihadisten in den vergangenen Jahren an Boden gewonnen.

Schon vor zwei Jahren haben Experten davor gewarnt, dass Hunderte von Moscheen in die Kontrolle von Salafisten geraten seien. Die Grenzen zu Libyen, über die IS-Terroristen einsickern, oder zu Algerien, wo ebenfalls Islamisten aktiv sind, sind kaum zu kontrollieren. Die Tatsache, dass junge Tunesier das größte ausländische Kontingent - rund 3000 Mann - bei den IS-Terroristen in Syrien und im Irak stellen, zeigt, welche Dimension das Problem inzwischen angenommen hat.

Die anhaltende wirtschaftliche Misere mit Arbeitslosenquoten bei Jugendlichen von 40 Prozent mag ihren Teil dazu beitragen. Tunesien braucht jetzt die Hilfe der europäischen Nachbarn, um diese Krise zu überwinden und die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Sonst wird dieses einsame Zeichen der Hoffnung in der arabischen Welt keine Zukunft haben.