Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr - Mehr als ein Wort

BERLIN. Noch sechs Wochen - dann endet in Afghanistan eine Ära. Die Nato zieht Ende dieses Jahres, wie beim Gipfel 2010 in Lissabon verabredet, ihre letzten Kampftruppen vom Hindukusch ab.

Eine politische Entscheidung, auch wenn die Allianz den Afghanen weiter Unterstützung zusagt. Die afghanischen Sicherheitskräfte sollen dann selbst in allen Provinzen für Stabilität und Sicherheit sorgen. Denn irgendwann musste die Nato die Verantwortung ab- und übergeben. Kein Einsatz dauert ewig, auch wenn dieser, ausgelöst durch die Terroranschläge vom 11. September 2001, erstmals in der Geschichte der Allianz den Bündnisfall nach sich gezogen hat.

Die Bundeswehr steht seit mittlerweile 13 Jahren mit Truppen in Afghanistan. Sie hat dort 55 Soldaten verloren - im Gefecht gefallen, durch Sprengfallen getötet oder bei Unfällen ums Leben gekommen. Ein nicht zu ersetzender Blutzoll, was für andere Truppensteller-Nationen gleichfalls gilt. Gleichwohl wird Deutschland und somit die Bundeswehr Afghanistan noch für Jahre nicht sich selbst überlassen.

Bis zu 850 deutsche Soldaten sollen künftig noch an der Seite ihrer alliierten Waffenbrüder im Land bleiben, um afghanisches Militär auszubilden und zu trainieren. Möglich geworden ist dies erst durch die Unterschrift des neuen afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani unter ein Nato-Truppenstatut, die sein Vorgänger Hamid Karsai bis zuletzt verweigert hatte.

Wenig ist sicher in einem Land, das zu den ärmsten der Erde zählt und in dem funktionierende staatliche Strukturen echter Luxus wären. Doch die Lage hat sich für viele Afghanen verbessert, wie die Bundesregierung in ihrem jüngsten Fortschrittsbericht feststellt. Der Zugang (auch für Mädchen und Frauen) zu Bildung hat sich im Vergleich zur Steinzeit-Diktatur der Taliban stark verbessert, ebenso wie das Gesundheitssystem entwickelt und Kapazitäten bei der Wasser- und Energieversorgung ausgebaut wurden.

Afghanistan bleibt trotz allem ein bitterarmes Land, jedoch eines, das sich entwickeln könnte, stünden da nicht grassierende Korruption, Drogenanbau (mit seinen riesigen Mohn-Monokulturen) und eben die Taliban dagegen. Gute Regierungsführung ist schon eine Kunst in entwickelten Staaten. In Afghanistan käme sie vollendeter Staatskunst gleich.

"Wir sind kriegsmüde. Unsere Botschaft ist eine Botschaft des Friedens", rief Präsident Ghani die Taliban auf, sich an politischen Gesprächen zu beteiligen. Ohne Versöhnung und Beteiligung der (gemäßigten) Taliban wird das Land mit seiner uralten Stammestradition seinen Frieden nicht machen, wenn er denn überhaupt gelingt. Er wäre ein Segen nach gut drei Jahrzehnten Krieg und Bürgerkrieg. Und eine Chance zur Entwicklung. Auch deshalb muss der Westen im Land bleiben. Er hat sich zur langfristigen Partnerschaft verpflichtet. Das ist mehr als ein Wort.