25 Jahre Mauerfall - Volksbegehren

BERLIN. Wir haben uns verwundert die Augen gerieben, an jenem 9. November 1989. Ein Abend, der Weltgeschichte gemacht und geschrieben hat.

Wir, die Deutschen in Ost und West. der Ostseite haben sie die Mauer ins Wanken und schließlich zum Einsturz gebracht. Ihre Landsleute auf der Westseite haben fasziniert und auch ungläubig zugesehen. Sehen wir wirklich, was wir gerade sehen?

Dass es friedlich blieb, dass es für die aufmarschierten Truppen keinen Befehl gab, den Freiheitsaufstand niederzuschlagen, ist bis heute ein Wunder. Umso mehr, als nur Monate vorher das Regime in China den Studentenaufstand auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking hatte blutig niedermetzeln lassen und die DDR-Führung den Gesinnungsgenossen in Peking damals die Richtigkeit ihrer Politik versicherte.

"Wir sind das Volk!", demonstrierten in jenen Oktober- und November Tagen des Jahres 1989 Hunderttausende mutige DDR-Bürger gegen Bevormundung, Unterdrückung, Reiseunfreiheit und gegen einen mächtigen Apparat der Staatssicherheit. Jawohl, sie waren und sie sind das Volk. Aber sind wir ein Volk? Jetzt, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Für viele Ostdeutsche ist die so sehnsüchtig erhoffte und schließlich auch erreichte Freiheit mit dem Verlust der Sicherheit verbunden gewesen, dass der Staat schon alles regelt. Die große Freiheit bedeutete auch Unsicherheit und verlangte individuelle Eigeninitiative, etwas, was den DDR-Oberen seit jeher verdächtig war.

Für Westdeutsche war nach dem ersten Jubelrausch gleichfalls schnell Ernüchterung angesagt, weil die versprochenen blühenden Landschaften ja Dünger, Wasser, Sonne und Wind brauchten, damit sie hoffentlich blühen. Kurz: Geld oder auch den Solidaritätszuschlag, bei dem im Westen gern vergessen wird, das das Einheitsopfer von allen Teilen der Republik abgeführt werden muss.

Ossi. Wessi. Oder auch Wossi, wie der im Osten angekommene Wessi oder der im Westen angekommene Ossi genannt werden. Auch das ist Deutschland 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Ein Volk müssen die Deutschen in Ost und West noch werden. Aber sie sind bei ihrem Volksbegehren auf gutem Weg. Es ist eine Frage von Jahren, bis die nächste Generation nicht mehr mit dem Finger auf die Herkunft zeigt und den Stempel "Ossi" und "Wessi" auspackt.

Aber erst einmal darf ein Ereignis gefeiert werden, über das Deutschland wirklich dankbar sein muss. Vielleicht kommen einige der Fernsehbilder vom 9. November 2014 irgendwie auch in Nordkorea an, wo die Menschen von Einheit und Befreiung vermutlich noch nicht einmal zu träumen wagen. Es werden tolle Bilder, wenn morgen Abend in Berlin 8 000 beleuchtete Ballons an ehemaligen Mauerabschnitten in die Luft steigen und die Mauer sich damit symbolisch auflöst.