Kommentar

Überschwemmungs-Katastrophe - Fragen nach der Flut

Es ist erstaunlich, wie wenig die Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob die jüngsten Rekord-Überschwemmungen eine Botschaft des Klimawandels sein könnten. Zwar erscheint uns inzwischen - nach den Fluten 1997 und 2002 - der Superlativ "Jahrhundertflut" schon rein statistisch nicht mehr passend, dennoch empfinden wir einen meteorologischen Zufall als Ursache, etwa das "Genua-Tief", als sympathischer.

Zwar sagt jeder Extremwetter-Kongress eine Häufigkeit der Zustände wie in Grimma oder Rosenheim als Folge der globalen Erwärmung voraus, doch mit viel Psychologie neigen wir eher zu einer Laune des Himmels.

Genau: Es gibt wissenschaftlich keinen handfesten Beweis, extreme Niederschläge als Bumerang für zu viel Öl- oder Kohle-Verbrennung und zu viele Treibhausgase zu sehen, auch wenn die Physik lehrt, dass eine höhere Temperatur mehr Wasser verdunsten und Wolken mehr Feuchtigkeit tragen lässt.

Doch es gibt da so eine Ahnung. Selbst in Günter Jauchs heiterer Runde schwante den Katastrophen-Talkern, dass es mit korrekter Dammpflege und denaturierten Flussauen künftig nicht getan sein wird, das Wasser aus der guten Stube zu halten. Doch als ARD-Wetterfrosch Sven Plöger es wagte, dem Publikum das Phänomen zu erklären und die Einschaltquoten-Wächter mit dem Begriff "Nordatlantische Oszillation" erschreckte, sprang Jauch sofort einen Salto - zurück zum Talkshow-Modus. Kurze Beiträge, gerne pointiert und humoresk und die Welt vereinfachend: "Sagen Sie mal Herr Plöger, wann kommt eigentlich der Sommer?"

Machen wir uns nichts vor: Selbst ohne Forschung fühlen unsere Wettererfahrungen der letzten Jahre Veränderungen, obwohl sie in Mitteleuropa weit weniger ausgeprägt sind als im hohen Norden. Dabei fällt es dem Menschen im Zeitalter von Pisa-Studien und Exzellenz-Clusterei schwer zu akzeptieren, dass die Wissenschaft nicht weiß, ob hinter der großen Flut mehr als eine Wetteranomalie steckt.

Die Forscher füllen diese Lücke mit Wahrscheinlichkeiten und werden erst in Zukunft rückblickend wissen, ob das "Land unter" in 2013 ein Wink mit dem Zaunpfahl war. Insofern gilt weiter die statistische Faustregel "Viele Wetter machen das Klima". Doch die vertauscht Ursache und Wirkung. Richtiger wäre: Wenn das Klima sich im Schneckentempo wandelt, produziert es andere Wetter.

Also nichts Neues: Die Ursachen extremer Wetter bleiben Glaubenssache. Es könnte jedoch nicht schaden, das Wahrscheinliche tatsächlich für wahrscheinlich zu halten: Dass wir längst mitten drin sind im Klimawandel - und die Deiche ein Stück höher bauen, als es die Durchschnittswetter der Vergangenheit empfehlen. Die Haltung "Alles schon mal da gewesen" taugt nur noch zur Selbstberuhigung.