Umgang mit Sterbenden: Bonner Medizinstudenten üben schwierige Gespräche

BONN.  Angehende Ärzte lernen im Pflichtfach Palliativmedizin nicht nur deren Grundlagen und Maßnahmen zur Symptomkontrolle, sondern setzen sich auch mit psychosozialen, ethischen und rechtlichen Aspekten sowie Kommunikation auseinander.

Schauspiel-Patientin Rita Otterski (l.) und Medizinstudentin Sophia Grundeis (r.). Foto: Volker Lannert

"Ja, Frau Goffart, wie geht es Ihnen denn heute Morgen?" eröffnet die Ärztin freundlich das Gespräch. Die Patientin auf der Palliativstation japst nach Luft. "Es ist schlimm, unerträglich, diese Schmerzen", sagt die Frau im roten Morgenmantel dann gequält. Die blutjunge Frau im Arztkittel neigt sich zu der Schwerkranken. "Vielleicht können wir ja etwas dagegen tun. Erzählen Sie doch mal." Laut Krankenakte kann die langjährige Dialysepatientin mit dem schweren Herzklappenfehler höchstens noch stabilisiert werden.

"Wir simulieren innerhalb eines Blockseminars der Mediziner-Ausbildung schwierige Stationsgespräche mit Schauspiel-Patienten", erklärt Felix Grützner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Palliativmedizin, der die Gespräche koordiniert. Jeder Arzt kenne die Situation, Todkranke und deren Angehörige in solchen Phasen zu begleiten. Und so keucht die Schauspiel-Patientin plötzlich: "Ich will nicht mehr an die Dialyse. Ich kann das nicht mehr." Die "Frau Doktor" möge ihr helfen, sich auf ihr Ende vorzubereiten. Den ersten Schreck über diese offenen Worte kann die junge Medizinerin kaum verbergen.

"Ja also, hm", kommt zögernd über ihre Lippen. "Es ist Ihnen bewusst, dass Sie ohne Dialyse nur noch zwei Wochen überleben?", fragt die Ärztin schließlich. Die Dame zeigt sich unerwartet souverän. Sie habe sich diesen Schritt seit längerem überlegt. Sie sei mit sich im Reinen und fest im Gottesglauben. "Und was sagt Ihre Familie?", hakt die Ärztin nach. Konzentriert beobachtet sie die Körpersprache der Frau. Sie selbst hat sich wieder gefangen. Und setzt jetzt mit Erklärungen an: dass die Entscheidung der Frau ärztlich eigentlich nicht vertretbar sei, dass sie sich aber mit dem Team beraten werde und danach wieder auf die Patientin zukomme.

Beifall aus dem Zuschauerraum

 "In Einem können Sie sicher sein", fügt die junge Ärztin noch hinzu. Wenn man die Dialyse wirklich abbreche, werde man der Frau die verbleibende Lebenszeit so angenehm wie möglich machen. "Hut ab. Das war nicht kitschig, sondern authentisch. Du hast sowohl die ärztliche als auch deine persönliche Sicht reingebracht", kommt nun Beifall aus dem Zuschauerraum.

Morgenmantel und Arztkittel sind beiseite gelegt, die Stühle vertauscht. Die junge Ärztin ist wieder zu Sophia Grundeis, Medizinstudentin im vierten Semester, und die Todkranke zu Rita Otterski, Statistin der Bonner Oper, geworden. "Patientin" Otterski jedenfalls fühlte sich von "Ärztin" Grundeis in diesem traurigen Gespräch ernst genommen, wie sie nun in der Analyse dankbar sagt.

"Aber die Entscheidung der Frau muss ich mir unterschreiben lassen, ja?", fragt die Studentin nach. Grützner nickt. Ganz plötzlich sei sie mit der Frage um Leben und Tod konfrontiert worden, so die Studentin nachdenklich. "Das ist dann für eine Ärztin in der Realität sicher noch schwerer." Grützner lächelt. Gleich wird er einen anderen Kandidaten ins Probegespräch schicken. Da wird der einer gleichaltrigen Patientin eröffnen müssen, dass sie mit ihrem bösartigen Melanom keine Chance mehr hat.

Das Projekt: Bonner Medizinstudenten lernen im Pflichtfach Palliativmedizin nicht nur deren Grundlagen und Maßnahmen zur Symptomkontrolle, sondern setzen sich auch mit psychosozialen, ethischen und rechtlichen Aspekten sowie Kommunikation auseinander, erläutert Professor Lukas Radbruch, Direktor der Klinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Bonn. Mit Hilfe der Rollenspiele mache man die kommende Medizinergeneration sensibel für den Umgang mit Sterbenden. "Die simulierten Gespräche eröffnen den Studenten die Chance, in einer relativ realistischen, aber auch geschützten Szenerie unter Anleitung Kommunikation zu üben. Wir wollen unter anderem eine Sensibilität wecken sowie auf schwierige Gespräche in der künftigen Berufstätigkeit vorbereiten."

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