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Zum 90. Geburtstag von Karl Dietrich Bracher
Sorge um Freiheit und Demokratie
Von Ludger Kühnhardt
BONN. Die deutsche und europäische politische Kultur haben dem geistigen Beitrag von Karl Dietrich Bracher Prägendes und Bleibendes zu danken.
"Das Europa der Krisen hat nicht nur überlebt, sondern am Ende der Zerstörungen und Zerspaltungen eine neue gewaltige geschichtliche Chance erhalten, die es nicht wieder durch Rückfälle in die Verhaltensweisen der Selbstüberhebung oder der Resignation verspielen möge." Mit diesen Worten rundete Karl Dietrich Bracher die erweiterte Neuauflage seines gewichtigen Werkes "Die Krise Europas" (Frankfurt 1993) ab.
Dem Nestor der Zeitgeschichtsforschung und historisch orientierten Politikwissenschaft in Deutschland war es nach dem Sturz der kommunistischen Diktaturen und der Überwindung der Teilung Europas mit seinem Buch vergönnt, selbst den Bogen zum guten Ende der geschichtlichen Phase zu spannen, den er seit seinen ersten wissenschaftlichen Werken in Sorge um Freiheit, Demokratie und Europas Kultur begonnen hatte.
Die deutsche und europäische politische Kultur haben dem geistigen Beitrag von Karl Dietrich Bracher Prägendes und Bleibendes zu danken. Sein wissenschaftliches Werk und Wirken als langjähriger Ordinarius für Politikwissenschaft und Zeitgeschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (von 1959 bis 1987) diente jenen Renaissancen, die er nach dem revolutionären Sturmjahr 1989 erfreut beschreiben konnte: die Renaissance der postnationalen Demokratie, die Renaissance von freier Gesellschaft und Wirtschaft, die Renaissance Europas und des Föderalismus.
Bracher hat die geistig-politischen Entwicklungen Europas im Kontext eines Oeuvres aufgefaltet, das vielen vergleichend und historisch, ideengeschichtlich und politikorientiert arbeitenden Wissenschaftlern ebenso lehrreich wurde wie vielen nach Sinnzusammenhängen und Perspektiven suchenden Politikern, die bei Bracher Rat suchten. In beide Richtungen - Wissenschaft und Politik - stil- und schulbildend gewirkt zu haben, darin liegt die bleibende Wirkung Karl Dietrich Brachers.
Der römische Philosoph Seneca hat die Sentenz überliefert, es sei besser, weise als lange zu leben. Karl Dietrich Bracher ist beides vergönnt - ein großer, weiser Lehrer Europas, der am 13. März 2012 auf neun Lebensjahrzehnte zurückblicken kann.
Professor Ludger Kühnhardt war der letzte Assistent von Professor Bracher und leitet heute das Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) der Universität Bonn.
Artikel vom 13.03.2012
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