Wo die Bürger für ihre Gemeinde arbeiten

Nettersheim ist quasi schuldenfrei. Das Engagement der Bewohner zahlt sich auch für sie persönlich aus. "Ich bin dankbar für so viel Engagement", sagt die Leiterin der Integrativen Kindertagesstätte Zingsheim in der Eifelgemeinde Nettersheim.

Wenn die Eltern mit den Kindern: Die Erneuerung des Kindergarten-Außengeländes in Nettersheim ist Sache der Erwachsenen und ihres Nachwuchses. Foto: Heike Lins

Nettersheim. Heike Lins strahlt über das ganze Gesicht. "Ich bin dankbar für so viel Engagement", sagt die Leiterin der Integrativen Kindertagesstätte Zingsheim in der Eifelgemeinde Nettersheim. Seit Anfang Mai arbeiten jeden Freitagnachmittag und Samstag zahlreiche Eltern bei der Umgestaltung des Außengeländes mit.

"Es gibt viele, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann", weiß Heike Lins. Der Kindergarten geht einen Weg, der typisch ist für Nettersheim in der Nordeifel. Hier hilft man sich, und hat auch noch etwas davon. Denn die 8 000-Einwohner-Gemeinde ist als eine der wenigen Kommunen im Regierungsbezirk Köln quasi schuldenfrei.

Das hat zum einen strukturelle Gründe, das heißt, in Nettersheim leben prozentual weit weniger Empfänger sozialer Leistungen als zum Beispiel in den hochverschuldeten Städten des Ruhrgebiets. Das hat zum anderen aber auch damit zu tun, dass die Bürger kräftig mitanpacken. Wie im Gemeinde-Kindergarten.

Mit den Kindern wurden Wege eingeebnet, morsche Geländer ausrangiert und der Sandkasten auf Vordermann gebracht. Jetzt folgt die Aufbauarbeit. Ein neues Gerätehaus ist schon fertig, eine Matschanlage kommt und zum Schluss ein Niedrigseilgarten.

"Das ist wichtig, damit die Kinder ähnlich wie bei einem Hochseilgarten ihren Körper wahrnehmen, ihr Gleichgewicht trainieren, dabei von anderen Kindern auch Hilfestellung erfahren können", sagt die Leiterin dem GA bei einer kleinen Führung durch das Außengelände.

Irgendwann im Sommer soll es dank der Hilfe von Eltern und auch Großeltern fertig sein.

Angenehmer Nebeneffekt für sie: Die Gebühren bleiben weitgehend stabil. "Ich habe den Bürgern mehrfach gesagt: Wenn wir einen ausgeglichenen Haushalt wollen, dann müsst ihr mitmachen", betont Bürgermeister Wilfried Pracht.

Das Modell ist einfach: Wie beim Kindergarten liefert die Gemeinde das Material, der Rest erfolgt in Eigenleistung. So seien etwa ein Sportlerheim und ein Feuerwehrhaus gebaut worden, berichtet der Bürgermeister. Im Ortsteil Marmagen hätten einige Rentner eine Friedhofszuwegung und ein Kriegerehrenmal wiederhergestellt.

"Das hätten wir in den nächsten 15 Jahren nicht in unser Investitionsprogramm nehmen können", sagt Pracht. Außer dem finanziellen Aspekt ist für den Bürgermeister noch etwas wichtig: "Wenn eine Gruppe für ein solches Ziel zusammen gearbeitet hat, dann festigt das die Gemeinschaft. Die Dörfer leben über ein solches Engagement."

Bei den Bürgern kommt das an. "Mir ist doch lieber, wenn die Gemeinde keine Schulden hat, als wenn alles teurer wird", sagt Werner Kloster. Der GA trifft den 51-Jährigen an diesem Mittag am Bahnhof. Er arbeitet in einem kunststoffverarbeitenden Betrieb, erzählt er, ist aktiv in einem Sport- und einem Musikverein sowie im Verein Hilfe zur Selbsthilfe "Sonnenblume" - und hat natürlich auch schon einiges für die Gemeinde getan.

Natürlich wolle er nicht, dass sich die Bürger ausgenutzt fühlten, sagt Pracht und ergänzt, "aber wenn sie spüren, dass wir die Aufwendungen gering halten, dann sind sie auch eher bereit, selbst etwas zu tun." Selbst bei so großen Investitionen wie dem Bau der Kanalisation. "Da haben wir in fünf Jahren zehn Millionen Euro investiert", sagt der Bürgermeister.

Aber auch hier habe man mit den Bürgern eine Möglichkeit entwickelt, wie Gemeinde und Bevölkerung gleichermaßen sparen können: Indem zum Beispiel die Kanäle nicht, wie sonst üblich und vergleichsweise kostenträchtig, unter den Straßen, sondern durch die Vorgärten verlegt werden. "Das ist für alle billiger", so Pracht.

Erschließungsbeiträge für Straßen wurden reduziert, indem die Bürger selbst das Pflaster der Gehwege verlegten, die Anschlusskosten für das schnelle Internet DSL verringerten sich, weil Anwohner über mehrere Kilometer Länge die Kabelgräben selbst gezogen haben. Die Gemeinde will den Bürgern im Gegenzug aber auch etwas zurückgeben, zum Beispiel über die Förderung der Vereine.

"Wo andere die Gebühren erhöhen, geben wir Zuschüsse", sagt der Bürgermeister. Doch Pracht befürchtet, dass es auch Nettersheim in Zukunft schwerer haben wird, den Haushaltsausgleich zu schaffen. Erster Vorbote: Die Kreisumlage, also der Betrag, den die Kommune an den zuständigen Kreis Euskirchen zahlen muss, stieg von 2,6 Millionen Euro 2005 auf 3,8 Millionen in diesem Jahr.

Zudem habe die neue Landesregierung die Gemeindefinanzierung so umgestellt, dass die Kommunen auf dem Land benachteiligt würden. Dieser Entwicklung mit noch mehr Engagement entgegenzuwirken, da hätten wohl auch die Nettersheimer Bedenken. Wie bei der Diskussion um den Kindergarten-Zaun: Andreas Schell, einer derjenigen, die freitags und samstags dort arbeiten, erzählt, dass die Eltern gern einen Kunststoffzaun um das Gelände bauen wollten.

Der Bürgermeister bevorzuge aber einen Holzzaun. "Der ist zwar billiger, müsste aber immer wieder gestrichen werden", sagt Schell. Eine Aufgabe, die dann sicher auch wieder auf die Eltern zukäme.

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