Ermittlungen gegen Königswinterer Jugendamt gehen weiter

KÖNIGSWINTER/BONN.  Die Staatsanwaltschaft Bonn rechnet erst Ende Januar mit dem abschließenden Gutachten des Sachverständigen.

Am Donnerstag wäre Anna elf Jahre alt geworden. Das Kind starb am 22. Juli 2010 im Alter von neun Jahren in der Badewanne seiner Pflegeeltern in Bad Honnef, ertränkt von der Pflegemutter, so das Bonner Schwurgericht. Und während die 52-Jährige und ihr Mann mittlerweile für schuldig befunden und zu lebenslanger und sechseinhalb Jahren Haft verurteilt wurden, ist die mögliche strafrechtliche Verantwortung der zuständigen Königswinterer Jugendamtsmitarbeiter noch nicht geklärt.

Es wird wohl auch noch etwas dauern. Denn nach GA-Informationen ist der von der Staatsanwaltschaft eingeschaltete Sachverständige noch mit der Prüfung des Falls befasst. Die Ermittler rechnen demnach mit dem abschließenden Gutachten erst Ende Januar. Der Experte war im Herbst beauftragt worden. Der Staatsanwaltschaft zufolge soll er vor allem zu der Frage Stellung beziehen: Welche Anforderungen und Pflichten müssen die Mitarbeiter von Jugendämtern erfüllen? Eine Fragestellung, die angesichts der bekannten Fakten brisant ist.

Denn Anna schrie und weinte oft so laut, dass Nachbarn die Polizei riefen, und die Beamten beim Jugendamt später zu bedenken gaben, ob das Kind in der Familie richtig aufgehoben sei. Außerdem hatte Anna Verletzungen und versuchte am Tag vor ihrem Tod wegzulaufen.

Selbst wenn man im Jugendamt den Lügen der Pflegemutter glaubte, wonach Anna aus panischer Angst vor dem Baden so schrie und sich häufiger selbst verletzte, stellt sich die Frage: Hätte ein Kind mit solchen Problemen nicht sofort in Fachhände gehört? Und liegt hier nicht schon deshalb eine Pflichtverletzung vor?

Für die Staatsanwaltschaft stellt sich zudem die Frage: Wäre eine solche Unterlassung auch strafbar? In Justizkreisen heißt es hinter vorgehaltener Hand schon lange: Die Ermittlungen werden sowieso eingestellt.

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Chronologie: Der Fall Anna

Im Juli 2010 ertrank die neunjährige Anna nach monatelangen Misshandlungen in der Badewanne. Die Pflegeeltern mussten sich vor dem Bonner Landgericht verantworten. Auch gegen Mitarbeiter der zuständigen Jugendämter wurde ermittelt. Eine Chronologie.

  • 24. November 2011: Das Landgericht Bonn spricht die Pflegemutter von Anna des Mordes, der Misshandlung und der Freiheitsberaubung mit Todesfolge für schuldig. Die Pflegemutter muss lebenslang in Haft. Ihr Ehemann Ralf W. wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie Misshandlung und Freiheitsberaubung mit Todesfolge zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
  • 10. November 2011: Der Verteidiger von Annas Pflegemutter plädiert auf eine Verurteilung zu einer "maßvollen Freiheitsstrafe" wegen gefährlicher Körperverletzung, Missbrauchs von Schutzbefohlenen und Freiheitsberaubung. Für eine Mordabsicht gebe es keine Hinweise.
  • 3. November 2011: In ihrem Plädoyer fordert die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft für die angeklagte Pflegemutter. Ihr Mann soll wegen Körperverletzung mit Todesfolge für neun Jahre in Haft.
  • 31. Oktober 2011: Nach 23 Verhandlungstagen schließt das Schwurgericht die Beweisaufnahme ab. Inzwischen beschuldigen sich die beiden Angeklagten gegenseitig, Anna getötet zu haben.
  • 22. Juli 2011: Vor genau einem Jahr starb in Bad Honnef die neunjährige Anna. Ihre Pflegeeltern sollen sie schwer misshandelt und schließlich ertränkt haben.
  • 20. Juni 2011: Im Prozess um Annas Tod sagte die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes aus.
  • 5. Mai 2011: Schon seit Jahren soll es Zweifel an der Eignung von Annas Pflegeeltern gegeben haben.
  • 3. Mai 2011: Erneut wird gegen das Jugendamt Bad Honnef ermittelt.
  • 2. Mai 2011: Der Prozess um Annas Schicksal wird komplett neu aufgerollt. Das Landgericht Bonn prüft nun auch, ob sich die Pflegeeltern wegen Totschlag oder Mord verantworten müssen.
  • 27. Januar 2011: Am zweiten Prozesstag hat der Pflegevater die Vorwürfe voll eingeräumt.
  • 24. Januar 2011: Der Prozess beginnt. Der Verteidiger des angeklagten Pflegevaters kündigte eine umfassende Aussage seines Mandanten an.
  • 17. August 2010: Nach dem Tod der neunjährigen Anna werden Vorwürfe gegen das Jugendamt in Königswinter erhoben. Der Pflegevater wird beschuldigt, Anna ertränkt zu haben.
  • 22. Juli 2010: Eine Neunjährige aus Bad Honnef ist vermutlich nach schweren körperlichen Misshandlungen in der Badewanne ertrunken.

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