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Rheinbach
Wolfgang Niedecken besuchte Orte seiner Jugend
Von Hans-Peter Fuß
RHEINBACH. Wolfgang Niedecken kommt immer wieder gerne nach Rheinbach. Dort hat er während seiner Schulzeit die Rockmusik entdeckt und in der Schülerband "The Troop" erst Bass, dann Gitarre gespielt und gesungen. "Die Jungs aus der Band sind natürlich vollzählig da, wenn wir hier spielen, das ist ja so eine Art Klassentreffen", freut sich Niedecken auf seinen Auftritt mit BAP am Freitag, 13. Juli.
Vor dem seit langem ausverkauften Konzert hat er die Stadt und viele Plätze seiner Jugend noch einmal besucht. In einer vierteiligen Serie berichtet der GA über seine Erinnerungen.
Wolfgang Niedecken, neuerdings mit Kinnbart, steht vor dem Elternhaus seines Schulfreundes Hein Pelzer an der Rheinbacher Hauptstraße. Er deutet auf das Fenster im Giebel und erzählt. Es muss in einer Nacht im Oktober 1967 gewesen sein, als er und sein Freund Hein Pelzer mit ihren Elektrogitarren in Rheinbach erstmals für Furore sorgten.
Die beiden 16-Jährigen donnerten den neuen Song der Band "The Who" über die Dächer der Stadt, indem sie einen Verstärker auf die Fensterbank im Giebelfenster stellten und das Anfangsriff von "I can see for miles" rockten, welches dann tatsächlich meilenweit zu hören war.
"The Who" galt damals als lauteste Band der Welt. Zum Ende eines jeden Konzerts schlug sie ihr Instrumentarium kurz und klein. Pete Townshend liebte es beispielsweise, seine Gitarre in die Lautsprecherboxen zu rammen. Das tat Wolfgang Niedecken damals nicht, denn seine erste eigene E-Gitarre, die ihm Mutter Tiny am 5. September 1967 im Kölner Musikhaus Oehl gekauft hatte, war ihm nahezu heilig. 282 Mark hatte die Aria Diamond gekostet. Die nächtliche "Who"-Attacke auf Rheinbach löste ein allgemeines Rätselraten aus, wer denn den Krach verursacht haben könnte. Niedecken: "Das war dann für einige Tage Stadtgespräch."
Ein paar Schritte weiter grüßt Marianne Schmickler, die Besitzerin des Cafés am Voigtstor. Sie ist eine alte Bekannte von Niedecken. "Ich habe in der Waldkapelle eine Kerze für Dich aufgestellt", sagt sie. Niedecken ist gerührt angesichts der zahlreichen Genesungswünsche, die ihn nach seinem Schlaganfall aus ganz Deutschland erreicht haben. "Danke", sagt er, "das hat bestimmt geholfen."
Zum Konzert kommt Marianne Schmickler nicht, sie hat keine Karte mehr bekommen. Ausverkauft. Ans Café am Voigtstor hat Niedecken eine besondere Erinnerung. Dort saß er oft mittwochs morgens mit Gleichgesinnten, um die Schulmesse zu schwänzen. "Wir haben wohl damals schon instinktiv diese institutionalisierte Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit gespürt", sagt er. Konsequenzen fürchtete er nicht: "Das habe ich auch mit meinem Erscheinungsbild unterstrichen. Schließlich war ich stolzer Besitzer einer Fransenjacke und einer weißen Fender-Telecaster."
Im alten Gymnasium verzweifelte der junge Niedecken oft an Algebra, Formeln und Zahlen. Heute arbeiten dort die Leute einer Krankenkasse mit Formeln und Zahlen. Ein Erlebnis aus dem Deutsch-Unterricht hat Niedecken zum Song "Enn Dreidüüvelsname" auf dem Studioalbum "Halv su wild" verarbeitet. 1968 sollte er eine Arbeit zum Thema "Welches Gedicht hat Sie in Ihrem Leben am meisten beeinflusst?" schreiben. Niedecken schrieb den Text von "Sympathy for the Devil" nieder.
Die "Rolling Stones" hatten den Song über den "verteufelten" Lauf der Weltgeschichte gerade herausgebracht. Niedecken übersetzte den Text und ergänzte ihn mit seinen Gedanken. Doch der Lehrer benotete die Arbeit nicht. "Er hätte wohl lieber gesehen, wenn ich ein Gedicht eines Klassikers gewählt hätte", vermutet Niedecken, "aber dann hätte ich ja gelogen." Später sollte er ein Theaterstück interpretieren. Doch Niedecken entschied sich für den Film "Flesh" von Andy Warhol, der von einem New Yorker Strichjungen handelte. Auch diese Arbeit missfiel dem Lehrer.
Sein Philosophielehrer Peter Virnich sagte ihm später, die beiden Arbeiten hätten das Fass zum Überlaufen gebracht. Mit einer Fünf in Mathe blieb Niedecken in der Unterprima sitzen, weil in "den Laberfächern" kein Ausgleich mehr stattfand. Auch im zweiten Anlauf schaffte er die Stufe nicht, zwar wieder massenhaft Ausgleichsnoten auf dem Zeugnis, dafür aber wieder Fünfen in Mathe und Latein. So musste er die Schule ohne Abi verlassen. "Ich war am Schluss ja nur noch als Gasthörer da, die wollten mich einfach loswerden", meint er.
In einer Serie beschreiben wir Wolfgang Niedeckens Schulzeit in Rheinbach. Nächste Folge: Die erste Band.
Artikel vom 03.07.2012
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