Siegburger Foltermordprozess: "Es ist mir ein Rätsel, wie es dazu kommen konnte" | GA-Bonn

Siegburger Foltermordprozess: "Es ist mir ein Rätsel, wie es dazu kommen konnte"

Jugendgerichtshelfer sagen aus - Staatsanwalt bringt Sicherungsverwahrung ins Spiel
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 Foto: dpa

Siegburg/Bonn. Auch am sechsten Verhandlungstag ist die Fassungslosigkeit über das, was die drei jungen Männer auf der Anklagebank getan haben, nicht weniger geworden. Und Rechtsmediziner Dr. Reinhard Dettmeyer macht es nun in seiner ganzen Tragweite deutlich: Im Detail schildert er die Verletzungen, die er bei der Obduktion des gefolterten und erhängten Hermann H. fand. Der Bruder des Opfers verlässt den Saal.

Dettmeyers Gutachten beantwortet genau, was die drei mit dem Opfer machten. Die Frage nach dem Warum kann es nicht beantworten. Vielleicht gibt es sie auch nicht, die Antwort auf die Frage, warum Danny K. (17), Pascal I. (19) und Ralf A. (21) ihren Mithäftling Hermann H. (20) am 11. November in Zelle 104 in der Siegburger JVA so quälten, demütigten, vergewaltigten und nach fünf Erhängungsversuchen endgültig "weghängten", wie sie es nannten.

Es ist eine monströse Tat, und es wäre wohl am einfachsten, könnte man die drei als Monster bezeichnen und einfach wegsperren. Aber so einfach ist es nicht, wie immer klarer wird, je mehr vor dem Bonner Jugendschwurgericht über die Täter ans Tageslicht kommt. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Volker Kunkel hat sich viel Mühe gegeben, so viel wie möglich über die drei zu erfahren - von Zeugen, aus Akten und Unterlagen.

Und langsam vervollständigt sich das Bild der Angeklagten - und zeigt erschreckende Parallelen: Sie alle wuchsen mit Gewalt auf, erlebten sie am eigenen Leib durch ihre Väter. Sie erlebten als Kinder, wie auch ihre Mütter Opfer der gewalttätigen Väter wurden - und vermissten diese Väter plötzlich, weil die Mütter sich von ihnen getrennt hatten. Und genau zu diesem Zeitpunkt begann das, was die Mütter dann bezeichneten als: "mit dem Jungen nicht mehr fertig werden".

Schon als Strafunmündige verstießen die drei gegen das Gesetz, Danny K., so heißt es, "war hinterhältig und brutal", über Pascal I. steht in einem Bericht, er habe gelogen, gestohlen und gezündelt. Ralf A. lief weg - immer wieder hin zu einem Onkel, der mit Drogen dealte. Die Mütter waren hoffnungslos überfordert, hatten Angst vor ihren Söhnen und wandten sich an die Jugendämter um Hilfe.

Sie brachten die Jungen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, weil sie andere gefährdeten wie Pascal, der zündelte und als Elfjähriger ein Mädchen mit einem Messer angriff. Sie machten Suizidversuchen, dann stahlen und drohten, beraubten und schlugen sie Menschen und handelten mit Drogen. Kein Klinikaufenthalt half, keine Erziehungshilfe, auch nicht die teuren Aufenthalte mit 1:1-Betreuung in einem spanischen Bergdorf, die mit Danny K. und Pascal I. veranstaltet wurden.

Am Ende landeten sie alle in der Siegburger JVA und zusammen in einer Zelle mit Hermann H. - ein Opfer desaströser Familienverhältnisse wie sie. Und dennoch ganz anders. Ein Opfertyp, heißt es nun. Was soll mit diesen drei Angeklagten geschehen? Was rät die Jugendgerichtshilfe? Der für Ralf A. zuständige Jugendhelfer macht es kurz und knapp: A. sei emotional verroht und nicht mehr erziehbar. Er empfiehlt Erwachsenenstrafrecht.

Sein Kollege aber empfiehlt für Pascal I., den 19-Jährigen, der dem vorläufigen psychiatrischen Gutachter zufolge einem Erwachsenen gleich stehen soll, Jugendrecht. Staatsanwalt Robin Fassbender hatte indes kurz vorher darauf hingewiesen, dass für Pascal I., der Hermann H. mehrfach vergewaltigt haben soll, im Anschluss an lebenslange Haft Sicherungsverwahrung geprüft werden müsse.

Danny K., der 17-Jährige, wird nach Jugendrecht nicht mehr als zehn Jahre bekommen. Sein Jugendgerichtshelfer sagt über ihn: "Niemand, der Danny kannte, hätte mit so einer Tat gerechnet. Es ist mir ein völliges Rätsel, wie es dazu kommen konnte." Zum Menschen Danny K. befragt, sagt er: "Ohne das Opfer zu vergessen, sage ich spontan: Danny ist eine arme Sau." Am Mittwoch hat der Psychiater das Wort.

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