"Sie wollen wahnsinnig viel wissen" | GA-Bonn

"Sie wollen wahnsinnig viel wissen"

45 Germanistik-Studenten der Universität Breslau sind für eine Woche zu Besuch im Haus Schlesien - Junge Polen diskutieren mit der Europaabgeordneten Ruth Hieronymi und Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges
Bild 1 von 1

<b>Polnische Jugendliche</b> mit Ruth Hyronimie im Haus Schlesien Foto: Frank Homann

Heisterbacherrott. "Die Zukunft Europas" traf am Montagnachmittag im Haus Schlesien auf eine Mandatsträgerin der Europäischen Union (EU): 45 Gäste von der Universität Breslau, die am Sonntagabend in Königswinter angekommen waren, wurden von Ruth Hieronymi "mitten im Herzen Europas" begrüßt. Die Abgeordnete des Europäischen Parlaments erläuterte den polnischen Germanistik-Studenten in einem Vortrag ihre Funktion als europäische Mandatsträgerin. Für die jungen Polen eine spannende Geschichte: Schließlich soll ihr Land ab 2004 Mitglied der EU sein.

Eine Woche verbringen die polnischen Gäste im Haus Schlesien. Die meisten von ihnen studieren im dritten oder vierten Semester deutsche Sprachwissenschaft. Die Studierenden sollen nach den Worten von Petra Meßbacher, Geschäftsführerin des Hauses, "nicht mit einseitigen Ansichten zum Thema Flucht und Vertreibung konfrontiert werden". Vielmehr geht es bei den Seminaren im Haus Schlesien um die gemeinsame Zukunft von Deutschen und Polen in der EU und die Überwindung oder auch die Bestätigung von Vorurteilen.

"Wir wollen zu einem Denkprozess einladen", sagt Meßbacher. Themen, die oft stigmatisiert oder tabuisiert worden sind, sollen während dieser Woche vorbehaltlos diskutiert werden. "Nur wer Wissen hat, braucht wenig Emotion", lautet Meßbachers Argument.

Das Programm sieht eine Mischung deutsch-polnischer und europapolitischer Themen vor. Neben dem Besuch der Europaparlamentarierin Hieronymi werden die polnischen Gäste auch Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung erhalten. Sie besuchen das Bundesverteidigungsministerium, werden am Schulunterricht in einem Gymnasium teilnehmen und auch den fast schon obligatorischen Rundgang durchs Bonner Haus der Geschichte machen.

Zudem trafen sie am Montagabend zum Zeitzeugengespräch mit älteren Menschen aus Breslau zusammen, das unter dem Titel "Jahrgang 1932 trifft Jahrgang 1982" stand. Zusätzlich gibt es sechs Arbeitskreise, die sich zum Beispiel praktisch mit Vorurteilen auseinandersetzen. Eine Gruppe wird versuchen, mit Leuten auf der Straße über eben diese Stereotypen ins Gespräch zu kommen.

Nach Meßbachers Ansicht ist das Interesse der jungen Polen an ihrem westlichen Nachbarland sehr groß. Ein Drittel der Gäste habe sogar Verwandtschaft in Deutschland. Die Beherrschung der deutschen Sprache sei sehr gut und die Studenten seien Europa gegenüber sehr aufgeschlossen: "Sie wollen einfach wahnsinnig viel wissen", hat Meßbacher beobachtet.

Wenn die Gruppe aus Breslau am Sonntag wieder Richtung Heimat reist, stehen bereits die nächsten Besucher aus Oppeln vor der Tür des Haus Schlesien. Die beiden Seminarwochen sind sehr kurzfristig zu Stande gekommen. "Eigentlich waren wir ein Opfer des Hochwassers", berichtet Petra Meßbacher. Wegen notfallbedingter Sparmaßnahmen wurden zunächst alle Budgetmittel für Seminare im Haus Schlesien eingefroren. Die Geschäftsführung legte Widerspruch ein, und tatsächlich flossen Rücklaufmittel aus dem vergangenen Jahr. Mit diesen Geldern aus dem Bundesministerium des Inneren können die beiden Seminare für die Studenten aus Breslau und Oppeln finanziert werden.

Für die wissbegierigen polnischen Besucher ein Glücksfall: Sie können noch bis Sonntag ein genaueres Bild ihrer europäischen Zukunft und ihres deutschen Nachbarlandes gewinnen. "Wenn sie im Bus sitzen werden, sollen sie ein paar Vorurteile weniger und ein paar Blickwinkel mehr mitnehmen", hofft Meßbacher.

Abo-Bestellung

Anzeigen

Anzeige

Leserfavoriten

Folgen Sie uns auf Google+