Nürburgring: Etablierte Unternehmen und neue Betreiber im Clinch
Der Mythos lebt inzwischen seit 84 Jahren. Döttinger Höhe, Schwalbenschwanz, Bergwerk oder Brünnchen - Namen von Steckenabschnitten auf der 1927 eröffneten Nordschleife des Nürburgrings, die Millionen Motorsport-Fans in aller Welt in Verzückung bringen.
Nürburg. Der Mythos lebt inzwischen seit 84 Jahren. Döttinger Höhe, Schwalbenschwanz, Bergwerk oder Brünnchen - Namen von Steckenabschnitten auf der 1927 eröffneten Nordschleife des Nürburgrings, die Millionen Motorsport-Fans in aller Welt in Verzückung bringen.
Doch viele von ihnen machen sich Sorgen um die Zukunft "ihres Rings". So haben sich in zwei Monaten 46 000 Menschen unter dem Motto "Save The Ring" bei Facebook eingetragen. "Die Nordschleifen-Fans regt auf, dass der neue Freizeitpark ein finanzieller Klotz am Bein ist", sagt Initiator Mike Frison und fügt hinzu: "Jetzt wird der Ring von Personen betrieben, die vom Motorsport keine Ahnung haben."
Seit dem vorigen Jahr betreiben der Hotelier Jörg Lindner und Geschäftsmann Kai Richter in der Nürburgring Automotive GmbH sowohl die weitgehend landeseigene Rennstrecke (Nordschleife und Grand-Prix-Kurs) als auch den Freizeitpark. "Die Rennstrecke wird dabei benutzt, um die Löcher zu stopfen, die im Freizeitpark entstehen", sagt Frison.Über kurz oder lang könnte das zum Aus für den Ring führen, fürchten viele Menschen in der Region. Ron Simons ist einer von ihnen. Er kam vor zehn Jahren aus den Niederlanden in die Eifel und hat nach eigenen Angaben 7 500 Kunden an den Ring gebracht. "Die schlafen hier, die essen hier und bringen viel Geld in die Region", sagt Simons.
Bis zum vorigen Jahr hat er etwa Touristikfahrten organisiert, dafür Sportwagen vermietet oder Fahrlehrgänge gemacht. Derzeit hat er Hausverbot auf der Strecke. Die neuen Betreiber wollten das, was er gemacht hat, selbst machen, klagt Simons.
Während Nürburgring-Sprecherin Stefanie Hohn bei Simons von "Vertragsverletzungen" spricht, zeigt der Fall für die rheinland-pfälzische Grünen-Chefin Eveline Lemke, dass die neuen Betreiber am Ring etablierte Unternehmen aus dem Markt drängen wollen: "Jetzt ist zu befürchten, dass die Nürburgring Automotive GmbH auf dem gleichen Weg weitere Konkurrenten ausschaltet."
Ähnlich sieht das die CDU. "Wir wollen eine faire Konkurrenz am Nürburgring", sagt Fraktionsvize Alexander Licht. Derzeit habe er nicht diesen Eindruck. Seine Fraktion im Mainzer Landtag wolle noch einmal eine Initiative starten, um "Sport und Rummel am Nürburgring voneinander zu trennen". Zudem kündigt er an, dass die CDU, wenn sie nach der Landtagswahl am 27. März die Chance erhalte, die Verträge ändern wolle.
Kopplungsgeschäfte heißt das Stichwort. So berichten Unternehmen, sie würden unter Druck gesetzt, in den neuen Lindner-Hotels zu übernachten, wenn sie die Strecke mieten wollten. Die Sicherung der Nordschleife würde von der Automotive GmbH nur noch im Paket mit anderen Dienstleistungen angeboten, heißt es.
Bisherige Caterer oder Getränkelieferanten dürften zudem keine eigenen Geschäfte mehr machen. So steht etwa in den "Mietbedingungen für die Nutzung des Nürburgrings", die dem GA vorliegen: "Das Recht zur gastronomischen Bewirtschaftung ... steht allein der Nürburgring Automotive GmbH und den mit ihr verbundenen Gastronomieunternehmen zu."
Hier rudert die Betreibergesellschaft inzwischen allerdings zurück. Das sei nur ein Entwurf und zudem nicht besonders gut formuliert, sagt Sprecherin Hohn, "unsere Rechtsabteilung ist da dran." Es sei nicht "unsere Absicht" gewesen, über die Lindner-Hotels alles abzuwickeln. Den Vorwurf, kleine Unternehmen verdrängen zu wollen, weist sie aber weit von sich, auch Kopplungsgeschäfte gebe es nicht. "Das ist eine falsche Auslegung der Verträge."
Klar sei aber auch, dass die Nürburgring Automotive GmbH betriebswirtschaftlich arbeite. Ähnlich argumentiert das Mainzer Wirtschaftsministerium. "Wir müssen dem Betreiber eine Chance geben", sagt Sprecher Joachim Winkler. Schließlich müsse der Betreiber eine Mindestpacht zahlen. Ziel ist es, die Kredite von 330 Millionen Euro, die die Nürburgring GmbH für das Projekt aufgenommen hatte, zurückzuzahlen.
Unter Druck gerät die Landesregierung inzwischen, was die Vergabe an Lindner und Richter angeht. So hat das benachbarte Dorint-Hotel eine Beschwerde bei der EU eingereicht. "Das Land hat sich von vornherein auf das Betreiberkonsortium Richter/Lindner festgelegt.
Es hat nie ein Wettbewerbsverfahren gegeben", sagt Dorint-Anwalt Clemens Antweiler. Im Vorjahr hatten bereits Abgeordnete von Grünen und CDU den EU-Wettbewerbskommissar aufgefordert, die Vergabe auf die wettbewerbsrechtlichen Spielregeln der EU zu untersuchen.
Mike Frison hat derweil 12 000 Unterschriften von Motorsport-Fans für eine Online-Petition gesammelt, um ein Einschreiten der EU gegen die Geschäftsstrukturen zu bewirken. Darunter sind allerdings nur wenige aus der Region. Für Reinhold Schüssler, den Ortsbürgermeister von Nürburg, hat das einen Grund: "Viele ducken sich weg, weil sie Sorge um ihre Arbeitsplätze haben."
Artikel vom 28.01.2011


