Restaurantführer 2012
Sie rennen durch den Wald, wälzen sich im Dreck, essen Würmer und schlafen draußen. "Ja, dieses Klischee kennen wir. Wir werden oft belächelt. Aber nur von denen, die noch nie mitgemacht haben", sagt Pfadfinderin Sophie Rempel. "Eine Freundin von mir hat sich immer darüber amüsiert, dass wir uns dreckig machen und in Zelten schlafen. Dann war sie einmal mit und jetzt ist sie auch dabei", sagt die 19-jährige Meckenheimerin.
Sophie Rempel ist Stammesführerin. Gemeinsam mit André Olbert führt sie den Pfadfinderstamm "Herigar" aus Meckenheim. "Mich fasziniert besonders das Miteinander und die Gemeinschaft", sagt Sophie. Der Stamm "Herigar" besteht zurzeit aus fünf Gruppen, auch Sippen oder Meute genannt. Die Gruppen treffen sich einmal pro Woche zu den sogenannten Sippenstunden. Dort wird gespielt und es werden Pfadfindertechniken geübt: Feuer machen, Zelte aufbauen, Knoten knüpfen und vieles mehr.
Außerdem reisen die Pfadfinder gern und oft zusammen. "Ich liebe die Lager - Pfingsten und im Sommer. Dann ist der ganze Stamm zusammen, wir sind in der Natur und spielen zusammen. Man erlebt dabei total viel", sagt die Stammesführerin. Und das war zu allen Zeiten so, seit vor mehr als 100 Jahren die ersten Pfadfindergruppen im Deutschen Kaiserreich gegründet wurden.
Auch in den 60er Jahren hatten Radtouren, Zeltlager und Lieder am Lagerfeuer eine besondere Anziehungskraft auf Kinder und Jugendliche: "Die Gemeinsamkeit, die Fahrten und der internationale Austausch haben mir sehr gefallen", erinnert sich Eckart Jurk aus Meckenheim. Der heute 61-Jährige wurde mit elf Jahren auf dem Schulhof angesprochen und trat den Pfadfindern in seiner Heimatstadt Mönchengladbach bei.
"Wir mussten verschiedene Proben ablegen, haben Geländespiele gemacht, Zeichen im Wald erkundet, gelernt, Kursbücher zu lesen und Signalwimpel einzusetzen", erzählt der Pensionär. Der Naturgedanke stand damals wie heute im Mittelpunkt. Allerdings haben sich die Zeiten in puncto Komfort doch geändert: "Nix Isomatte, um Gottes Willen. Wir hatten nur Kochtopf und Kochgeschirr, Axt, Klappspaten und Zeltbahnen dabei - sonst nichts", sagt Jurk. "Die Heringe haben wir uns noch selber im Wald gesucht. Die heutigen Lager sind dagegen eher wie ?uriges Campen'", meint er.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist Jurk der internationale Austausch mit anderen jungen Pfadfindern, etwa im Zuge der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks 1963. "Die hatten auch Mädchen dabei, das fand ich als 16-Jähriger natürlich ganz toll", sagt er. Die Erfahrungen und das Erleben der französischen Kultur war nachhaltig: "Die Liebe zu Frankreich ist immer geblieben." Auch wenn er nach Ende der Schulzeit und während seiner beruflichen Karriere die Pfadfinder aus den Augen verloren hatte. Aber im Herzen bleibt man wohl Pfadfinder.
Das geht auch Sophie Rempel schon so: Sie möchte nach dem Abitur studieren, wo und was weiß die junge Frau noch nicht genau. "Ich werde dann meine Stammesführung aufgeben, wenn ich weggehe. Ich will aber auf jeden Fall noch weiter Lager planen, das kann ich ja von überall", sagt sie.
Das Pfadfinder-Motto "Jeden Tag eine gute Tat" hat Eckart Jurk in den 60ern als "Omas Hilfsdienst" erlebt. "So nannten wir das damals. Ich betreute auch tatsächlich ein altes Oma-und-Opa-Ehepaar. Für die habe ich zum Beispiel Kohlen und Briketts aus dem Keller geholt."
Die Pfadfinder haben sich in den Jahrzehnten den Entwicklungen angepasst und bleiben vermutlich auch deshalb heute noch attraktiv. "Wir haben unsere Kluft getragen, Jeans, oder Nietenhosen, wie sie damals hießen, waren ein No-go", erinnert sich Jurk. "Bei uns ist die Kluft nicht Pflicht, da ist der Stamm eher liberal", sagt derweil Sophie Rempel. Doch als Türöffner funktioniere sie damals wie heute: "Das machte eben einen ordentlichen Eindruck", meint Jurk. "Und es ist ein Zeichen der Zusammengehörigkeit. Uns hat es geholfen, wenn wir auf Wandertouren an fremden Haustüren geklingelt haben, um etwas Wasser zu bekommen", ergänzt Sophie.
Artikel vom 05.12.2011