150 Jahre Stadtrechte Bad Honnef: Eine große Karnevals-Familie | GA-Bonn

150 Jahre Stadtrechte Bad Honnef

Eine große Karnevals-Familie

BAD HONNEF.  Karnevalshochburg Bad Honnef? Wer das für eine Übertreibung hält, der muss sich immer dann, wenn etwa der Kursaal bei den Sitzungen der KG Halt Pol oder bei "Ramba, Zamba Bütt und Danz" der KG Ziepches Jecke fast aus den Fugen gerät oder am Karnevalssonntag, wenn alleine der Circus Comicus mehr als 500 aktive Clowns in den "Zoch" entsendet und insgesamt mehrere Tausend kostümierte Jecken durch die Straßen ziehen, eines Besseren belehren lassen.
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Aus dem Familien-Album: Wenn 'Halt Pol' ruft, ist der Kursaal voll. Foto: Homann

Was Nicht-Rheinländern zuweilen ein erstauntes Schulterzucken entlockt, ist hier jecke Überzeugung und Lebensgefühl zugleich.

Und wie! Eine Millionenstadt müsste 200 Karnevalsgesellschaften haben, um mit Bad Honnef bei seinen 25.000 Einwohnern gleichzuziehen. Eine riesige Karnevals-Familie, und das Festkomitee Bad Honnefer Karneval bringt die Vereine quasi unter eine Narrenkappe. "Überhaupt ist der Zusammenhalt in den vergangenen Jahren zwischen den Gesellschaften enorm gewachsen. Wir arbeiten so eng zusammen wie noch nie", sagt etwa Jörg Pütz. Dass der Begriff "Karnevals-Familie" für ihn besondere Bedeutung hat, ist belegt.

So durch schöne Episoden wie die folgende: Das offizielle Foto von Prinz Karneval wurde im Wohnzimmer gemacht. "Weil aber der Kragen des Prinzenmantels immer nach unten fiel, haben mein Bruder Dirk und ich hinter dem Sessel gehockt und ihn mit den Fingern hochgestellt." Er war 13, als sein Vater Karl Josef "Juppi" Pütz 1974 zum 100-Jährigen der Karnevalsgesellschaft Halt Pol Siebengebirgs-Prinz war. Beim Zoch durfte er unten im Prinzenwagen mitfahren. Er wünschte sich nichts Sehnlicheres, als selbst einmal in diese Rolle schlüpfen zu dürfen. 25 Jahre später war es soweit. Und auch sein Bruder hat mittlerweile aus der rollenden Prinzenburg zentnerweise Kamelle geworfen als Majestät eines Siebengebirgs-Dreigestirns. "Als wir damals auf die Bühne aufzogen, war das wie ein Olympiasieg", so Jörg Pütz.

Seine Familie ist in der ältesten KG der Stadt tief verwurzelt. Jörg Pütz übernahm von seinem Vater Vorsitz und Präsidentschaft von "Halt Pol". Der Rat des Seniors, der von seiner KG längst zum Ehrenvorsitzenden und Ehrenpräsidenten ernannt wurde, ist im Vorstand immer noch hoch geschätzt. Seine Frau Margret war mehr als 20 Jahre lang Präsidentin des Damenkomitees, das mit eigenen Kräften eine Weiberfastnachtssitzung durchführte, sozusagen Vorläuferin der Mädchen-Sitzung, die der Elferrat erstmals zum 125-jährigen Bestehen der KG aufleben ließ. Als damals die Regentschaft anstand, verzichtete Margret Pütz ohne viel Federlesens darauf, Prinzessin zu sein. Sie hielt die Stellung zu Hause und im Geschäft. Damals gab es den Schlager "Rucki Zucki, Rucki Zucki, das ist der neueste Tanz". Das Publikum dichtete den Titel um in "Juppi Juppi, Juppi Juppi, das ist der neueste Prinz". Vermutlich war Juppi Pütz der erste Honnefer Regent mit eigenem Prinzenlied.

Gesungen wurde bei "Halt Pol" schon immer. Das bestätigen alte Festhefte, die wenigen erhaltenen Dokumente und die Beiträge von Heimatdichter Franzjosef Schneider, der selbst Halt Pöler war. Zu der Zeit, als Honnef seine Stadtrechte wiedererhielt, wurde hier bereits urwüchsiger Fastelovend gefeiert. An den drei tollen Tagen traten in einem Dutzend Wirtschaften Redner und Liedermacher auf und zogen stadtbekannte Persönlichkeiten durch den Kakao. Im Januar 1875 berichtete eine Zeitung über eine "Versammlung im Hotel Dell zur Bildung einer Carnevals-Gesellschaft".

Das Motto der ersten Honnefer KG: "Wat mer donn, dat soll ons gelle!" Knapp drei Jahre später tauchte erstmals der Begriff "Mir hale Pol" auf. Und bald darauf wurde in Inseraten die KG "Halt Pol" genannt. Der Name blieb, ebenso der Narr, der sich am schiefen Laternenpfahl festhält, als Maskottchen. Die KG hatte um 1900 mehr als 100 Mitglieder. Der Präsident bestritt mit einem Elferrat aus Büttenrednern und Krätzchessängern mehrere Sitzungen. In Reimform wurde dafür geworben: "Ihr zahlet nur drei Mark für diesen lump?gen Quark."

Die Veranstaltungen waren ausverkauft. Jörg Pütz: "Unsere Besucher bestellen immer gleich fürs nächste Jahr. Das tut uns für andere, die auch gerne mal dabei wären, sehr leid. Wir suchen nach Lösungen, aber die Kapazität im Kursaal ist beschränkt." Als er mit 17 Jahren 1978 in die KG eintreten durfte, hatte sie 80 Mitglieder, heute sind es 700. "Vorsitzender Jean Weber drückte damals jedem zehn Karten in die Hand und sagte: 'Seht mal zu, dass Ihr die los werdet, damit der Saal voll ist.'"

Die Sorgen, die manche Gesellschaft heute mit schwindendem Interesse am Sitzungskarneval hat, kennen die Halt Pöler also durchaus. "Ich bin froh für die Ziepches Jecke, die mit ihrem neuen Konzept 'Bütt & Danz' so erfolgreich sind", meint der "Halt Pol"-Präsident, auch einer der tanzenden Herren der "Dream boys vum Rhing", die stets den Saal zum Kochen bringen.

Das war nicht immer so. Als 1927 die Große Selhofer Karnevalsgesellschaft gegründet wurde, lag hinter "Halt Pol" eine Durststrecke. Während des Weltkrieges und in der Inflationszeit stand keinem der Sinn nach Karneval. Das 50. Stiftungsfest 1924 fiel deshalb genauso aus wie später das 75-jährige Bestehen nach dem Zweiten Weltkrieg. In dieser Epoche wurden die KG "Löstige Geselle" 1946 und die "Ziepches Jecke" 1952 gegründet. Die KG "Klääv Botz" in Aegidienberg entstand 1904 und gehört seit der kommunalen Neuordnung mit zur bunten Honnefer Karnevals-Familie, so fünf Gesellschaften, die Damenkomitees, die katholischen Frauengemeinschaften und die aus einem Familien- und Freundeskreis hervorgegangenen Circus-Clowns, die seit den 90er Jahren ebenfalls ein Verein sind. Und das Motto der ältesten KG der Stadt gilt eigentlich für alle: "Mir hale Pol!" - "Wir bleiben bei der Stange!"

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