Das GA-Torfieber grassiert wieder
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Überrascht hat es am Ende wohl niemanden mehr, dass Stefan Blunier seinen Vertrag als Generalmusikdirektor in Bonn verlängert hat. Nach andauernden, nicht ganz einfachen Verhandlungen stimmte der Rat im November zu; seither fehlte nur noch die Unterschrift des Schweizer Dirigenten. Die liegt nun auch vor, so dass man ein wenig in die Zukunft blicken kann.
Die Zukunft orientiert sich freilich manchmal sehr an der Gegenwart. Blunier nämlich hat ausgehandelt, dass sein Orchester zunächst bis 2016 mit 106 Planstellen in derselben Stärke spielen können wird wie bisher. "Ich sehe natürlich ein, dass wir alle sparen müssen", sagte er in einem Gespräch mit dem General-Anzeiger, "aber für alles, was die Stadt vom Orchester verlangt, von den Education-Programmen über CD-Aufnahmen über Tourneen bis zu den Konzerten und den Operndiensten, ist diese Stärke notwendig. Das hat die Stadt auch eingesehen. Und ich werte das als ein positives Zeichen für unsere Arbeit."
An Personal wird also nicht gespart, dafür aber will Blunier "notgedrungen" das außerordentlich vielfältige städtische Kammermusikangebot zurückfahren. "Da lässt sich nicht mehr alles aufrechterhalten." Genau festlegen mag er sich hier noch nicht, aber vorstellbar sei etwa die Einsparung der Kammermusikreihe in der Bad Godesberger Redoute.
Doch der 47-Jährige denkt auch über ganz neue Formate nach. Auf einen programmatisch neuen Weg bringen will er die jetzige Abo-Reihe der Sonntagskonzerte, die im Vergleich zu den Freitagskonzerten sehr viel weniger Anklang findet. Sonntags um 18 Uhr sei als Konzerttermin bei den Bonnern nicht sehr begehrt. "Da werden wir umdenken müssen", sagt er und zeigt die Vision einer alternativen Konzertreihe auf.
Sie soll drei bis vier Mal pro Saison an einem Samstagabend präsentiert werden. Blunier will damit eine Reihe für jüngere Erwachsene etablieren, eine "Ü-30-Party mit Niveau". "Die Konzerte werden einen extremen Event-Charakter haben", sagt er. Man könne sich das ein bisschen wie die BeethovenNächte vorstellen: thematisch gebundene Abende in Überlänge. Damit aber überlang nicht langweilig wird, will er das Event mit einem vielfältigen Angebot genießbar machen, das sogar ein Catering-Angebot umfassen soll.
"Mit schwebt da zum Beispiel ein rein jüdischer Abend vor, mit Musik von jüdischen Komponisten. Und dazu gibt es dann vielleicht ein koscheres Buffet. In den Nebenräumen der Beethovenhalle kann man Filme anschauen oder Kammermusik hören. Das wird ein wenig was von einem Tag der offenen Tür haben. Ein Format, das ein bisschen exaltiert sein wird und das es in Bonn bisher nicht gab." Aber auch eine reine Schönberg-Nacht wäre denkbar.
Fürs Musiktheater hat Blunier, noch bevor die Nachfolge des scheidenden Generalintendant Klaus Weises geklärt ist, die Einrichtung eines Opernstudios ausgehandelt. Blunier will damit die Nachwuchsarbeit um eine wesentliche Komponente ergänzen. Wie in den Opernhäusern von Köln, Düsseldorf und vielen anderen Städten sollen hier junge, begabte Hochschulabsolventen gefördert werden.
Sie erhalten zwar nur ein relativ geringes Salär, werden dafür aber an die Praxis herangeführt: "Sie erhalten szenischen Unterricht, sie kriegen Rollenstudium, es gibt Workshops, Seminare und vieles mehr. Und dann sollen sie natürlich auch für kleinere Partien in der Oper eingesetzt werden, wo sie erste Bühnenerfahrung sammeln können. Die besonders talentierten werden dann möglicherweise auch schon in größere Partien hineinwachsen können. Und natürlich sind auch eigene Produktionen des Opernstudios geplant. Aber das alles wird man natürlich noch mit der neuen Opernleitung ausführlich besprechen müssen."
Dennoch wird sich Blunier künftig nicht stärker in der Oper engagieren als bisher. Seine Präsenz am Boeselagerhof wird sogar ein wenig geringer werden. Im Gegenzug verzichtet Blunier auf einen proportionalen Teil seines Gehaltes, das für eine neue Dirigentenposition am Theater genutzt werden könne, die etwas höher angesiedelt sein sollte als die eines Ersten Kapellmeisters. Das schaffe ihm ein bisschen mehr Freiheit für kreative Prozesse wie die Entwicklung der geplanten Samstagsreihe.
Dass mit dem neu gestalteten GMD-Vertrag sein Einfluss auf die Oper ausgebaut würde, bestätigt Blunier nicht. Zwar sei er bei der Suche nach der neuen Generalintendanz beteiligt, doch würde er niemanden protegieren. Bei der Gestaltung des Opernspielplanes sei man ohnehin sehr an äußere Zwänge wie die der Besetzung gebunden. Bei der Verpflichtung von Regisseuren will sich Blunier ganz heraushalten: "Da habe ich definitiv kein Mitspracherecht. Das kann ich auch gar nicht."
Doch zum aktuellen Jahreswechsel ist er erst einmal so weit weg von der Oper, wie es nur geht: auf China-Tournee mit dem Beethoven Orchester.
Artikel vom 22.12.2011