Warum soll ich nicht ganz anders sein? | GA-Bonn

Warum soll ich nicht ganz anders sein?

Zwei mal drei macht vier und drei macht neune: Moritz Seibert inszeniert in Bonn "Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren - Hier sind Regelverletzungen erlaubt, hier ist die Freiheit grenzenlos - das macht Spaß
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<b>Szene mit Andrea Brunetti (Pippi)</b> und Sören Ergang als starker Rudolf (l.). Foto: Junges Theater

Bonn. Die junge Dame mag es weder politisch noch mathematisch korrekt. "Zwei mal drei macht vier / widde widde witt und drei macht neune, / ich mach mir die Welt / widde widde wie sie mir gefällt", singt Pippi (Andrea Brunetti) im Jungen Theater.

Kaum hat sich der Vorhang zu Moritz Seiberts Astrid-Lindgren-Inszenierung gehoben, da ist das Publikum bereits angesteckt vom anarchischen Geist. Unter dem roten Schopf arbeitet eine lebhafte Fantasie gegen die Gesetzmäßigkeiten der Welt an. Die traumhaft bunte Villa Kunterbunt, die Laurentiu Tuturuga auf die Bühne gestellt hat, ist ein passender Rahmen für die Welt des schönen Scheins, in der sich Pippi eingerichtet hat.

Moritz Seibert hat die von Astrid Lindgren geschaffene Bühnenfassung der "Pippi Langstrumpf" überarbeitet und den Szenen eigene Lieder hinzugefügt. Seibert schrieb die Texte, Uwe Vogel und Stephan Witt lieferten die Noten. Andrea Brunetti ist eine im Wortsinn springlebendige Pippi.

Sie probt das permanente Rollenspiel, verteidigt eine eigene Sprach- und Sprechlogik und behauptet eine Individualität, die sie schnell mit den etablierten Kräften der Gesellschaft in Konflikte bringt. Beispiel Schule. Hier hat Frau Prysselius das Sagen, eine knorrig-konservative Lehrkraft, die ihren Schülern Strukturen vorgibt; mit Lehrerinnen wie diesen gäbe es keine Pisa-Krise.

Allein, Pippi führt die gute Prysselius (Giselheid Hoensch) vor, dass es eine Schadenfreude ist. Dasselbe muss der starke Rudolf (Sören Ergang) über sich ergehen lassen, dem Pippi die Macho-Allüren austreibt: Dieses Mädchen stemmt den stärksten Mann. Und auch die Polizei (Jan Herrmann und Sören Ergang) kriegt ihr Fett ab.

Nein, diese Pippi macht sich ihre eigene Welt, sie schert sich nicht um Etikette und Kaffee-und-Kuchen-Rituale zu Hause bei Annika (Kerstin Dietrich) und Thomas (Michael Mühl). Sie will nicht als sozial anerkanntes Vorbild herhalten: "Warum soll ich nicht ganz anders sein, / Sein so wie ich will?" In den Worten Gloria Gaynors: "I am what I am." Das Ensemble singt und tanzt und spielt sich in die Herzen des hingerissenen Publikums im Jungen Theater.

Hier sind Regelverletzungen erlaubt, hier ist die Freiheit grenzenlos - das macht Spaß. Moritz Seibert malt mit kunterbunten Farben, hält die Bühnenmaschinerie in Bewegung. Doch verzichtet der Regisseur nicht auf Zwischentöne und Tiefgang. "Pippi Langstrumpf" im Jungen Theater ist voller Sehnsucht, die sich etwa in dem Lied "Papa, wo bist du?" ausdrückt.

Andrea Brunetti kann so ganz unpippihaft dreinschauen, verloren und verzagt. Zum Schluss bringt sie es nicht fertig, die Freunde Annika und Thomas zu verlassen. Große Freude, als sie bleibt - und spürbare Rührung im Publikum. Danach: viel verdienter Beifall. Das wird ein Hit im Jungen Theater.

Karten unter der Telefonnummer: (02 28) 46 36 72, außerdem im GA-OnlineShop. Im Internet unter: www.jt-bonn.de.

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