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Romeo und Julia am Mississippi im Jungen Theater
Von Dietmar Kanthak
Moritz Seibert inszeniert "Die Abenteuer des Huckleberry Finn". Zusammen mit Timo Rüggeberg erarbeitete der Regisseur die Stückfassung nach dem Roman von Mark Twain.
Auf der Flucht: Carlo Hajek (rechts) und Jubril Sulaimon. Foto: Junges Theater
Bonn. Der Amerikaner Mark Twain kannte die Menschheit. "Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet", lautet eines der Bonmots des sündhaft unterhaltsamen Autors (1835-1910).
Twain zu lesen ist auch heute noch ein Vergnügen, und so nimmt es nicht wunder, dass Moritz Seibert (Regie und Bühne) nun "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" auf die Bühne des Jungen Theaters brachte. Die Stückfassung nach dem Roman von Twain hat Moritz Seibert gemeinsam mit Timo Rüggeberg erarbeitet. Rüggebergs wird im Programmheft gedacht, er starb am 3. Juli im Alter von 21 Jahren.
Es gibt nichts, was sie nicht können im Jungen Theater. Und sie werden immer besser. Das ist an dieser Stelle schon oft dargelegt worden. "Huckleberry" ist keine Ausnahme.
Die Premiere der Uraufführung, in der Carlo Hajek den Huck verkörperte (er teilt sich die Rolle mit Valentin Rocke), produzierte von der ersten Sekunde an Spielfreude, Leidenschaft und eine intensive Energie. Die ließ bis zum Schluss nicht nach.
Es gab viel zu lachen, Twain war ja ein großer Humorist. Aber er kannte - wie gesagt - die Menschen und ihre Schwächen. Und ganz schnell in Seiberts Inszenierung zeigte das Thema Leibeigenschaft seine hässliche Fratze. Der Konflikt zwischen Selbstbehauptung und Unterdrückung ist das Fundament der Inszenierung. Der Sklave Jim (Jubril Sulaimon) erfährt, dass er als sogenannter "Nigger" die Summe von 800 Dollar wert ist.
Huck Finn wird gewahr, dass sein Vater (Dimetrio-Giovanni Rupp) ihn lediglich als Mittel zum schnellen Geld wertschätzt. Rupp stattete den saufenden Vater mit brutaler Schlagkraft aus. Prügel variierte er mit kalkulierter Gefühlsduselei und verlogenen Worten wie: "Alles wird gut."
Hucks (und Jims) Flucht aus bedrängenden Verhältnissen war Anlass für komische Verwicklungen, spannende Wendungen und tiefgehende Eindrücke. Jims Afrika-Reminiszenzen und sein wehklagender Gesang rührten ans Herz. Ein ums andere Mal spielten sie Theater im Theater, führten ein Stück im Stück auf. Huck zum Beispiel profilierte sich als gewandter Lügner, und zwar im Dienste der Wahrheit und der Nächstenliebe.
Der Autor Mark Twain erlaubte und verzieh ihm solche kleinen Sünden. Zum anderen schlüpfte Huck auch zwangsweise in Frauenkleider, was ihm gut stand und dem Publikum die hier nachgestellte Balkon-Szene aus Shakespeares "Romeo und Julia" zum Vergnügen machte.
Auch Jan Herrmann und Andreas Lachnit als Herzog und König waren geborene Rollenspieler, also Lügner. Die beiden machten Spaß, keine Frage, doch sie gingen zu weit. Ihre Sünden, zum Beispiel die Gier nach Geld, bestrafte der Autor Mark Twain streng und unbarmherzig.
Auf der Bühne, die ein bisschen aussah wie ein Erlebnispark, harmonierte ein großes Ensemble ganz fabelhaft. Männer mit Bärten traten auf und junge Menschen mit drolligen Ideen. Leon Döhner (respektive Ricardo Rausch) war Hucks bester Kumpel Tom Sawyer, ein Junge so beweglich wie Quecksilber.
"Ein Klassiker ist etwas, das jeder gelesen haben möchte, aber keiner lesen möchte", hat Mark Twain einmal bemerkt. Das Junge Theater hat sich des Klassikers Twain angenommen, und zwar so, dass diesen "Huckleberry" jeder sehen will.
Die nächsten Aufführungen: 29. und 30. September, 1. bis 3. Oktober sowie 20. bis 22. Oktober. Karten: in den Zweigstellen des General-Anzeigers und im Internet bei bonnticket.de
Artikel vom 27.09.2011
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