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Bundeskunsthalle
Norbert Lammert äußert sich zu Beethoven und Bonn
Von Thomas Kliemann
Bonn. Er ist einer der größten und klügsten Redner, die die deutsche Politik zu bieten hat. Was er auch mit seinen luziden, grundlegenden Gedanken zu "Kulturstaat und Bürgergesellschaft" unter Beweis stellte. Bundestagspräsident Norbert Lammert ist aber auch Politiker genug, um seine Zuhörer im fast vollständig gefüllten Forum der Bundeskunsthalle nicht bis zum Ende seines Vortrags schmoren zu lassen, bis er den Komplex Beethoven und Bonn zur Sprache bringt.
Auch Norbert Lammert hat seinen Fingerabdruck auf Beethoven hinterlassen. Foto: Thomas Kliemann
Er setzte die Schlüsselworte fast an den Anfang, nachdem er gewissermaßen den Untertitel zu seinem Beitrag genannt hatte: "Kunst und Kultur sind keine sympathische Nebensache, sondern die Hauptsache - was von dieser Generation übrigbleiben wird, sind nicht die Bahnhöfe, Flughäfen oder Steuergesetze, sondern das Selbstverständnis, das sich auf den Schöpfungen von Kunst und Kultur gründet."
Dann ließ der von der Bundeskunsthalle und dem Internationalen Club La Redoute eingeladene Gast gestern Abend die Schlüsselworte fallen: "Ich unterstütze die Bemühungen der Stadt Bonn für den Bau eines neuen Konzerthauses für Beethoven." Beifall im Plenum. Später lobte er auch das private Engagement: "Die private Finanzierung des Baus ist willkommen." Lammert warnte mit Blick auf die Hamburger Elbphilharmonie aber auch davor, nicht vor Begeisterung blind zu werden. Den Hamburgern hätte es gut getan, sorgfältiger auf die schwierige Lage des Bauplatzes und die viel zu optimistischen Kostenplanungen zu achten.
Kultur koste eine Menge Geld, aber man solle auch auf die Relationen schauen. Im Vergleich zu dem, was für die Rettung von Banken ausgegeben werde, sähen die Kulturausgaben von insgesamt 9,5 Milliarden Euro pro Jahr nicht mehr so dramatisch aus: "Wäre Beethoven nicht ein Komponist, sondern eine Bank, niemand würde bestreiten, dass er systemrelevant ist."
Lammert verteidigte in seinem Vortrag das deutsche Fördersystem von Kunst und Kultur, das zu 90 Prozent von der öffentlichen Hand und zu zehn Prozent etwa durch private Stiftungen und Sponsoring finanziert werde. In den USA sei das Verhältnis exakt umgekehrt - "eine Annäherung an Zustände der USA ist aber unerwünscht", sagte er. "Eine privat finanzierte Kulturlandschaft sieht anders aus als unsere." Sponsoren und private Financiers verfolgen eigene Interessen, erklärte der Gast. Er brach eine Lanze für eine Kultur, die sich zwar rechtfertigen muss, aber frei ist. "Der Staat ist nicht für die Kultur zuständig, sondern für die Bedingungen, unter denen sie entsteht", sagte der Bundestagspräsident. Ein guter Kulturpolitiker müsse sich seiner "Bedeutungslosigkeit bewusst sein".
Ferner begrüßte Lammert das föderale System bei der Kulturfinanzierung (90 Prozent von Ländern und Kommunen, zehn Prozent vom Bund). Das sei historisch aus einer Konkurrenzsituation zwischen Fürstentümern und Königshäusern so gewachsen. Die kulturelle Vielfalt Deutschlands fuße auf diesem Wettbewerb. Allen Kämmerern und Stadtoberhäuptern rief Lammert zu: "Die Sanierung von Haushalten ist über die Kürzung von Kultetats nicht zu machen", zu gering seien die Finanzen, um die es da gehe. Wer meine, man könne private Geldgeber als Lückenbüßer für schwindende Kulturetats nehmen, werde scheitern. "Kultur rechnet sich, wenn's denn sein muss."
Lammert ging während seines exzellenten Vortrags aber auch auf Widersprüche ein: "Nirgendwo sind die Distanz zum Staat und der Wunsch nach Alimentierung so stark wie bei Kunst und Kultur." Kunst und Politik, ein schwieriges Paar: "Politik muss zu Kompromissen bereit sein, die Kunst nicht. Die verliert dann ihre Identifikation. Die Politik aber verspielt sie, wenn sie nicht zu Kompromissen bereit ist."
Artikel vom 16.06.2012
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