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Keine Revolution mit dem Urnenpöbel
Georg Schramm zeigt sein Solo-Programm "Thomas Bernhard hätte geschossen" im Bonner Opernhaus
Bonn. (stl) "Deutschland helfen - aber wie?" Dies zu wissen, maßt sich die Stiftungsinitiative "Leben jetzt" an. Das wäre ja soweit alles ganz gut und schön, sähe deren Seminarleiter nicht zufällig Georg Schramm zum Verwechseln ähnlich - einem der eloquentesten und pointiertesten oder kurzum einem der besten deutschen Kabarettisten derzeit.
"Thomas Bernhard hätte geschossen" heißt dessen aktuelles Soloprogramm, mit dem er jetzt bei "Quatsch keine Oper" gastierte. Nicht allein natürlich, sondern in Gesellschaft des heiter-resignierten Presse- und Öffentlichkeitsoffiziers Sanftleben, des liebenswert-einfältigen Alt-Sozis August und des schneidig-scharfen Preußen Lothar Dombrowski.
Dessen korrekt abgewinkelte Rechte in schwarzem Lederhandschuh ist ebenso wie die dick umrandete Brille, die Pomade im Haar und der stets leicht angewiderte Gesichtsausdruck längst zu Schramms Markenzeichen geworden. Dem jungen Langzeitarbeitslosen ohne Perspektive, den kein Einzelhändler mehr kennt, können aber auch sie nicht helfen. Ist Hartz IV doch bis auf den Cent genau bemessen.
"20 Euro weniger, und die würden randalieren. 20 Euro Euro mehr wären herausgeworfenes Geld." Lässt sich also der soziale Friede nur noch mit Müh und Not aufrechterhalten, so ist der Friede in Europa bei Geburtenraten von 0,6 Söhnen so stabil wie nie zuvor.
Während das scheue Reh des Kapitals schon beim kleinsten Knacken im Unterholz nach Luxemburg herüberspringt. Wohingegen die Stiftungsinitiative "Leben jetzt" in ihren Rechenexempeln dem Zynismus und Sozialdarwinismus ganz neue Dimensionen eröffnet. Zahlt man einem Arbeitslosen nämlich die Summe, die er sein Land bis zum 80. Lebensjahr kosten würde, direkt aus, so erhöhen sich dessen Kaufkraft und Rendite von erbärmlichen 5,5 auf satte 60 Prozent.
Und das Rentenproblem wäre gleich mit gelöst - sofern er sich im Alter von 55 Jahren tatasächlich und definitiv aus dem Konsumparadies verabschiedet. Und sieht nun jemand wie Sanftleben den Tod ganz unspektakulär als Abschluss eines soldatischen Arbeitstages, so betrachtet das Rentner August schon aus einem anderen Blickwinkel.
Sein ängstlicher Blick ins benachbarte Pflegeheim und das bittere Lachen dazu machen still und leise klar, was Kabarett mitunter zu leisten vermag. Dombrowski dagegen hat alle Hoffnung aufgegeben, mit diesem "Urnenpöbel" noch eine Revolution auf die Beine stellen zu können. Thomas Bernhard hätte geschossen, er schüttelt nur verständnislos den Kopf und geht von der Bühne.
Artikel vom 04.04.2006
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