"Bar at Buena Vista"

Karibisches Temperament in Kölner Philharmonie

Köln.  War Ihnen Ostern 2012 nicht auch eine Idee zu kühl? Schon möglich, aber auf einen Ort trifft das ganz gewiss nicht zu. Denn die Show "The Bar at Buena Vista", die jetzt in der Kölner Philharmonie gastierte, hat nicht nur karibisches Temperament - Feuer und Leichtigkeit in einem - versprochen.

Sie hat dieses Versprechen auch eingelöst ... und mehr als das. Was nicht nur am mitreißenden Rhythmus des Son liegt, der für die Kubaner der Urklang aller Musik schlechthin ist. Nicht nur an den Tänzern um Eric Turro Martinez.

Sondern vor allem an den Stars des Abends, den "Grandfathers of Cuban Music": dem Pianisten Maestro Guillermo "Rubalcaba" Gonzáles; dem Sänger Julio Alberto Fernández, ehemals Mitglied des weltbekannten "Compay Segundo Quartets", sowie der 94-jährigen Legende Reynaldo Creagh, der mit einem goldenen Anzug, goldenen Schuhen und schwarzer Sonnenbrille auch in seinem Alter noch recht gern kokettiert.

Sei's ihm gewährt. So wie die überaus charmante Entschuldigung bei den im Saal anwesenden Herren: "Aber ich singe heute Abend nur für all die schönen Frauen hier." Sagt er und schmettert aus seinem auf den ersten Blick fragilen Körper eine leidenschaftliche Hymne an die imaginären Auserwählten, die rundum wohlige Gänsehaut hinterlässt.

Luis Chacón "Aspirina" Mendive seinerseits gehört zu den besten Rumba-Tänzern und gibt dem afrokubanischem Ausdruck der Sinnesfreude, entstanden in den Straßen Havanas und Matanzas, Gestalt. Und was wären die vier ohne eine echte Diva in ihrer Mitte? Wobei Siomara Avilia Valdes Lescay auf angenehm selbstironische Art und Weise mit dem Nimbus spielt. Letztlich gilt das für alle, die dem Publikum eines beweisen: Um in dieser Bar willkommen zu sein, um sich nach Herzenslust zu amüsieren oder in Nostalgie zu schwelgen, muss man nicht jung und schön sein oder wie die drei Tänzerinnen perfekt die Hüften kreisen lassen können. Diese Bar ist für alle, die sich dort wohl fühlen.

Und die Band verkörpert Understatement pur. Lauter Könner ihres Fachs, die sich dezent im Hintergrund halten und von dort aus den Boden bereiten für einen unvergesslichen Abend, über den Conferencier Toby Gough mit beneidenswerter Coolness die Patina der Fünfziger in Havanna legt. Das Ganze bekommt den Charakter einer unbeschwerten Jam-Session.

Unmöglich, sich in der raschen Abfolge einzelne Titel der Lieder von Liebe und Eifersucht merken zu wollen; abgesehen, von Guantanamera natürlich, ein Muss an so einem Abend. Möglich ist aber, dass der eine oder andere sich den Film von Wim Wenders nun noch einmal anschaut oder sich den Soundtrack von Ry Cooder nach Hause holt. Zwar ersetzt das sicher nicht die besondere, unverwechselbare Live-Atmosphäre, aber es erinnert zumindest daran.

Die "Bar at Buena Vista" schließt mit dem Klassiker "Chan Chan". Den einige Besucher noch auf dem Weg von der Philharmonie zum Parkhaus vor sich hin pfeifen. Die Grandfathers of Cuban Music soll es freuen.

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