Kölner Museum Ludwig : Jedes Werk unter die Lupe genommen | GA-Bonn

Kölner Museum Ludwig

Jedes Werk unter die Lupe genommen

köln.  Das Kölner Museum Ludwig präsentiert die kritisch erforschte Haubrich-Sammlung neu. "Eigentlich hatte ich befürchtet, in ein Wespennest zu stechen", meint Dorothee Grafahrend-Gohmert. Zwei Jahre lang durfte sie dank der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung die Sammlung Haubrich im Museum Ludwig unter die Lupe nehmen.

Per Spiegel enthüllt: Auf der Rückseite von Kirchners Halbakt ist 'Fränzi in Wiesen'. Foto: Hanano

Deren Grundstock wurde in der Nazi-Zeit aufgebaut, vielfach nach den Beschlagnahmungen der "Entarteten Kunst". So lag der Verdacht nahe, dass es sich in vielen Fällen um "verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut" hätte handeln können. Meist aber, so zeigte sich, wurde aus öffentlichen Sammlungen, also korrekt eingekauft.

Einen blütenweißen Persilschein kann die Forscherin zwar nicht ausstellen, von den 241 untersuchten Gemälden und Skulpturen sind die Herkunftswege bei 50 Werken lückenhaft, doch nur drei sieht sie als ähnlich heikel an wie Oskar Kokoschkas "Bildnis Tilla Durieux". Die Schauspielerin fand es, so Museumsdirektor Kasper König, "grauenhaft", Auftraggeber Bruno Cassirer zahlte nie. Die Erben des Galeristen Flechtheim drängen auf Rückgabe, Köln sieht das anders und wartet auf die Empfehlung der Limbach-Kommission.

Neben solcher Klärung gingt es Kuratorin Julia Friedrich darum, die HaubrichSchätze dem Gewohnheits-Dämmer zu entreißen. Hatte Köln all die Kirchners, Heckels, Nays oder Feiningers seit zwölf Jahren in dreistöckiger "Petersburger Hängung" präsentiert, so sieht man nun 77 klassisch gehängte "Meisterwerke der Moderne".

Schon der ästhetische Reiz ist frappierend: Chagalls gespenstischer "Sabbath", Jawlenskys ikonenhafter "Frauenkopf", Mackes ungewohnt fahlfarbiger "Abschied" oder Otto Muellers halbnackte "Zigeunerinnen" - man schreitet eine Galerie von Meisterwerken ab. Letztere bekam verblüffenden Zuwachs, als die Provenienzforscherin bei drei Werken bemalte Rückseiten fand.

Dank einer "schwebenden" Hängung mitten im Saal und raffiniert angebrachter Spiegel kann man nun Kirchners "Weiblichen Halbakt mit Hut" gleichzeitig mit der Rückseite "Fränzi in Wiesen" betrachten, dasselbe gilt für zwei Werke von Pechstein ("Das grüne Sofa"/"Die Frau des Künstlers") und Jawlensky.

Auf einem Monitor läuft ein altes Haubrich-Interview, in dem er die Sonderbundschau von 1912 als Erweckungserlebnis schildert. "Danach habe ich mich der modernen Kunst verschworen." Und zwar auch den damals Radikalen wie Otto Dix, dessen "Bildnis Doktor Hans Koch" Haubrich als erstes Ölgemälde kauft.

Der Urologie gleicht darauf einem Folterknecht. Die Neupräsentation klärt über das heikle Sammeln in der Nazizeit auf. "Entartete Kunst" durfte von Privatleuten besessen und verkauft werden, eigentlich aber nur gegen harte Devisen ins Ausland. So riskierte Haubrich einiges, als er sogar Werke des ungeliebten Max Liebermann erwarb, um sie vor der Zerstörung zu retten.

Die nach Köln gereiste Haubrich-Enkelin Heidi Meyer (ihr Großvater war fünfmal verheiratet) wundert sich: "Eigentlich habe ich ihn nicht als ausgeprägt mutigen Mann erlebt, aber die Kunst lag ihm so sehr am Herzen - dafür hat er sich eingesetzt." Die Schenkung seiner Sammlung macht das zerstörte Köln 1946 schlagartig zur Metropole der modernen Kunst, doch nach einer ersten Ausstellung in der Alten Universität tourten die Werke zunächst durch Deutschland und Europa, bevor sie 1958 im Wallraf-Richartz-Museum ihre Heimat fanden und später ans Museum Ludwig gingen.

Haubrich hatte für seine Stiftung nur eine Bedingung gestellt: ein städtisches Gehalt, das er weiterhin für Kunstankäufe nutzte. Dank dieses "Haubrich-Fonds'" kamen Meisterwerke wie Ernst Ludwig Kirchners giftgrüne "Fünf Frauen auf der Straße" oder Paula Modersohn-Beckers "Selbstbildnis" ins Haus.Auf welchen vertrackten Wegen dies geschah, erzählen die Schrifttafeln der Schau knapp, doch empfiehlt sich zur Vertiefung der exzellente neue Katalog.

Geöffnet: Di-So 10-18, jeden 1. Do im Monat bis 22 Uhr. Katalog 260 S., 36 Euro.

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