In Bonn traf er den jungen Beethoven
"Er brachte Haydn nach England" steht auf dem Grabstein des in London begrabenen Johann Peter Salomon aus Bonn
Bonn/London. Joseph Haydn kam zwei Mal nach Bonn. Einmal auf dem Weg von Wien nach London im Dezember 1790 und einmal auf dem Weg von London nach Wien im Sommer des Jahres 1792. Das allein wäre sicher kein Grund für das hiesige Stadtmuseum und für das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, über zwei Stockwerke des Ernst-Moritz-Arndt-Hauses eine Ausstellung zum Thema "Joseph Haydn und Bonn" einzurichten. Doch Haydns Besuche hinterließen Spuren in der damaligen kurkölnischen Residenzstadt, die tiefer gingen als die seiner Postkutsche. Bekannt ist, dass der junge Ludwig van Beethoven ihm hier vorgestellt wurde. Der bei dieser Gelegenheit von Haydn in Aussicht gestellte Unterricht war schließlich Anlass für Beethoven, mit einem "Stipendium" seines Brotgebers Kurfürst Max Franz ausgestattet, nach Wien zu reisen.
Aber die Ausstellung wirft auch ein Schlaglicht auf den Mann, der Haydn überhaupt zu der beschwerlichen Reise nach London überreden konnte. Es war der in Bonn geborene Geigenvirtuose Johann Peter Salomon, der lange Mitglied der Bonner Hofkapelle war und später eine zweite Karriere als bedeutender Impresario in London machte. Die Stadt an der Themse dankte es ihm mit einem Ehrengrab im Kreuzgang von Westminster Abbey. Die Inschrift der Grabplatte verrät die größte Tat des Bonners für seine Wahlheimat: "He brought Haydn to England . . ."
Es war vermutlich nicht leicht, Haydn zu dem wagemutigen, am Ende freilich höchst erfolgreichen Unternehmen zu überreden. Mit 59 Jahren war er für damalige Verhältnisse schon ein alter Mann. Aber er hatte nun endlich Zeit für solche Abenteuer, da die Esterh zysche Hofmusik, der er ein Musikerleben lang vorgestanden hatte, nach dem Tod Fürst Nikolaus I. aus Kostengründen aufgelöst worden war und Haydn als Pensionär nur mehr nominell in Diensten des Nachfolgers stand. Wie beschwerlich eine Reise mit einer Postkutsche - zumal im Winter - gewesen sein muss, kann man sich heute kaum vorstellen. Im Gegensatz zu Mozart war Haydn aufgrund seiner beruflichen Bindung ein Reise-Novize. Mozart stand dem Vorhaben Haydns denn auch eher skeptisch gegenüber. "Sie haben keine Erziehung für die große Welt gehabt und reden zu wenige Sprachen", gab er zu bedenken und prophezeite ihm: "Wir werden uns wohl das letzte Lebewohl in diesem Leben sagen." Und es ist keineswegs sicher, dass dieser überlieferte Satz als Vorahnung seines eigenen frühen Todes zu deuten ist.
Salomon, der auch Mozart und Beethoven gern nach London geholt hätte, ist es zu verdanken, dass Haydn auf beiden Reisen in Bonn Halt machte. Und es wurde für ihn denn auch zur wichtigsten und beeindruckendsten Station. Während er sich in etwa in München nur wenige Stunden aufhielt, blieb er in Bonn mehrere Tage. Haydn wurde mit großer Wertschätzung empfangen. Der Musiker Franz Anton Ries führte ihn am ersten Weihnachtstag bei der Bonner Lesegesellschaft ein, die Hofkapelle spielte eine Messe aus der Feder Haydns, und Kurfürst Max Franz veranstaltete ein großes "Diner" für ihn, an dem mit großer Wahrscheinlichkeit auch Beethoven teilgenommen hat. Sicher verbürgt ist ein Zusammentreffen beim zweiten Bonnbesuch auf der Rückreise in der eben fertig gestellten Godesberger Redoute, wo der junge Beethoven dem alten Meister seine Trauerkantate auf den Tod Kaiser Josephs II. vorlegte.
Die von Ingrid Bodsch (Stadtmuseum Bonn) sowie Otto Biba und Ingrid Fuchs (Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien) kuratierte Ausstellung illustriert diese historische Begebenheiten mit einer erstaunlichen Materialfülle, die sich zum größten Teil aus Wiener und Bonner Beständen speist, aber auch wichtige Exponate aus einer bedeutenden, aber anonymen Privatsammlung enthält, die zum Teil noch nie gezeigt wurden. Erstmals außerhalb Österreichs zu sehen ist eine hübsche Haydn-Porträt-Miniatur auf Elfenbein von A.M. Ott, die den Komponisten im Jahr 1791 zeigt und von der Gesellschaft der Musikfreunde kürzlich in London ersteigert wurde. Begleitet wird die Ausstellung von einem sehr informativen und überaus liebevoll und reich ausgestatteten Katalog, der Aufsätze unter anderem von den Kuratoren sowie zwei Beiträge von dem bedeutenden Haydn-Forscher und -Biographen H.C. Robbins Landon enthalten. Darüber freue man sich besonders, sagte Otto Biber gestern, denn der 74-jährige Robbins Landon habe gelobt, nie mehr über Musik zu schreiben. "Seine alte Schreibmaschine hat er bereits weggeworfen", sagte Biba
Bis 29. April. Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Adenauerallee 79, Mi bis Sa 13-17 Uhr, So 11.30 bis 17 Uhr, (0228) 24 14 35. Der von Ingrid Bodsch in Zusammenarbeit mit Otto Biba und Ingrid Fuchs herausgegebene Katalog (240 S., Leinen, geb. und mit vielen z.T. farbigen Abb.) kostet 45 Mark.
Artikel vom 25.01.2001



