Werkstatt Bonn: Deutschlandpremiere "Tief in einem dunklen Wald" | GA-Bonn

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Deutschlandpremiere "Tief in einem dunklen Wald"

BONN.  Was unter der Regie von Michael Lippold in knapp eindreiviertel Stunden ans Licht kommt, ist schlicht gruselig. "Wahrheit tut weh. Brennt wie Sau", ist ein Schlüsselwort in Neil LaButes "Tief in einem dunklen Wald", das jetzt in der Werkstatt des Theaters Bonn seine deutschsprachige Erstaufführung feierte.

In tiefem Hass einander zugetan: Birte Schrein und Günter Alt im neuen LaBute-Stück in der Werkstatt. Foto: Thilo Beu

Bedrohlicher Wald, Holzhaus, Geschwister - die Assoziationskette müsste bei Hänsel und Gretel enden. Oder bei Betty und Bobby, die sich aber in Abwandlung des grimmschen Klassikers die Hexe sparen. Besser: Der eine ist dem anderen bisweilen eine böse Hexe. Betty und Bobby, wer sind das? Es gehört zu den Stärken des US-Dramatikers Neil LaBute, dass solche Fragen nicht sofort beantwortet werden, sich vielmehr nach und nach das Bild schließt. Wobei aber von Anfang an die Hinweise und biografischen Details so geschickt gestreut werden, dass der Zuschauer atemlos verfolgt, wie die Lebens-Puzzles der Uni-Dekanin und des Schreiners zusammengefügt werden.

Was unter der Regie von Michael Lippold in knapp eindreiviertel Stunden ans Licht kommt, ist schlicht gruselig. "Wahrheit tut weh. Brennt wie Sau", ist ein Schlüsselwort in Neil LaButes "Tief in einem dunklen Wald", das jetzt in der Werkstatt des Theaters Bonn seine deutschsprachige Erstaufführung feierte. "Wahrheit tut weh. Brennt wie Sau": ein geflügeltes Wort des Vaters von Betty und Bobby. Der hat mehr und schlimmere Spuren im Leben seiner Kinder hinterlassen als diese.

Betty, gespielt von Birte Schrein, hat ziemlich kurzfristig ihren Bruder Bobby, den Günter Alt verkörpert, mit seinem Truck in den dunklen Wald gerufen, um eine Holzhütte - Liebesnest? Hexenhaus? - leer zu räumen. Dabei gehörte wohl eher beider Beziehung entrümpelt, die nach einer konfliktreichen Kindheit und Adoleszenz inzwischen auf Sparflamme läuft. Sie sind sich fremd geworden und in tiefem Hass zugetan: Betty hat zu viel gelogen und betrogen, um zur Ideallinie des Lebens zurückzufinden; Bobby hat zu viel gelitten und einstecken müssen, um anders als zynisch und selbstgerecht auf die Welt - und seine Schwester - zu blicken. "Sind wir wirklich aus einem Schoß gekommen?", fragt Betty ratlos. Bobbys Antwort: "Sind wir gar nicht. Ich bin von Wölfen aufgezogen worden. Während du mit ihnen geheult hast."

Ein Konflikt, tief unter der Gürtellinie

"Tief in einen dunklen Wald" zieht den Zuschauer tief in das Innere eines brutalen, archaischen Konflikts, tief unter die Gürtellinie. Da spielen sich Verletzungen und Frustrationen ab, Bestätigung und Niederlagen. Hier setzt Bobbys bigotte Verachtung an. Und Bettys Verzweiflung: Denn nach den wilden Sex-Jahren ist sie für potenzielle Gespielen "unsichtbar" geworden, wie sie das nennt, "weißt du? Wenn man durch dich durchgucken kann." Von der Nymphomanin zur erotischen Fußnote.

LaButes Stück treibt den Konflikt zwischen Betty und Bobby bis zur Schmerzgrenze. Birte Schrein und Günter Alt geben alles, und das ist sehr viel. Sie beharken sich im tristen Holzhaus (Bühne: Julia Ries), wie es drastischer nicht geht, lassen beim Joint spärliche Gemeinsamkeiten aufglimmen, glänzen aber auch mit einem phänomenalen Gedächtnis, wenn es darum geht, zurückliegende Verfehlungen des anderen aufs Tapet zu bringen. Aber es geht bei "Tief in einem dunklen Wald" nicht nur um offene Rechnungen, die kleinlich und vehement nachgekartet werden. Viel Schlimmeres ist im Busch. Und hier muss der Kritiker schweigen, um dem tollen Abend nicht die Spannung zu nehmen.

Es lohnt sich, auf Anspielungen und Hinweise von Betty und Bobby und auf Zwischentöne zu achten, die mitunter von dem stumm über die Bühne streunenden jungen Mann kommen (Gregor Schwellenbach), der mit E-Gitarre und Geräuschsoftware Akzente setzt. Der Geschwisterkrieg mutiert zum Kriminalfall.

Weitere Aufführungen: 22., 29. Mai, 1., 15., 20. Juni, 6. Juli. Karten unter anderem in den Geschäftsstellen des General-Anzeigers und bei bonnticket.de.

Auf einen Blick
  • Das Stück: Neil LaBute ist ein Meister der Beobachtung und pointenreichen Eskalation.
  • Die Inszenierung: Michael Lippold liefert ein Wechselspiel von Schenkelklopfern und Gänsehaut.
  • Die Schauspieler: Die Schöne ist das Biest, ihr Bruder der Teufel.
 

 

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