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Theatertreffen
Bonner Schauspiel gastiert mit "Ein Volksfeind" in Berlin
Von Dietmar Kanthak
Entscheidend ist auf'm Platz: im Stadion (Fußball) oder auf der Bühne (Theater). Während am Dienstagabend Hertha BSC sich erfolglos im Duell mit Fortuna Düsseldorf bemühte, erstklassig zu bleiben, stellte das Bonner Schauspiel Lukas Langhoffs Inszenierung von Henrik Ibsens Klassiker "Ein Volksfeind" im Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße vor.
Szene aus der Bonner Inszenierung von Ibsens 'Ein Volksfeind' beim Berliner Theatertreffen. Foto: Llilian Szokody
Die Einladung zum Theatertreffen in der Hauptstadt bedeutet: Bonn spielt offiziell in der ersten Theater-Liga. Eine Jury hat die ihrer Ansicht nach besten zehn Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fürs Schaulaufen der Meister in Berlin ausgewählt.
Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, sagt: "Für die eingeladenen Theater und die Künstler bedeutet es schlicht eine Auszeichnung, da ihre Arbeit eine besondere überregionale und qualifizierte Wahrnehmung erfährt, die immer schon ein Moment von außerordentlicher Achtung impliziert." Auf Deutsch: Für Theaterleute ist es das Größte, in Berlin dabei zu sein. Dem Bonner Schauspiel ist dies 1993, 1996, 1999 und jetzt 2012 geglückt.
Seit Montag sind die Bonner in Berlin. Dienstagmittag, vor der Probe im Großen Saal im Haus der Festspiele, strahlte lediglich die Sonne. Die Gesichter der Schauspieler spiegelten Aufregung und Konzentration wider, auch sie können Tunnelblick. Falilou Seck, der Ibsens Badearzt Tomas Stockmann darstellt, kam uns auf dem Weg zur Bühne im Glitzer-Frack entgegen - und sagte kein einziges Wort. Konstantin Lindhorst, der den Redakteur Hovstad spielt, erschien im grauen T-Shirt - und schwieg. Keine Sprechstunde für Journalisten.
Die Nervosität verwandelten die Schauspieler während der Probe in positive Energie. Die Mittagsvorstellung von Seck & Co. war inspiriert. Und das in einem unbekannten Theatersaal, in dem 1000 Menschen Platz haben; auf einer Bühne, deren Dimensionen mit Bad Godesberg nicht vergleichbar sind. Es war ein komplizierter Anpassungsprozess, die Bonner Produktion berlinkompatibel zu machen, eine Herausforderung für das ganze angereiste Theater-Team.
Falilou Seck war auf der Probe gleich eins mit seiner Rolle. Sein Badearzt ist in Lukas Langhoffs offener und anspielungsreicher (DDR, Hartz IV) Bearbeitung des "Volksfeinds" ja auch ein geborener Selbstdarsteller. Im Scheinwerferkegel probte Seck seinen Entertainer-Tanz. Da passte alles.
"Ein Volksfeind", am Dienstag und Mittwochabend auf dem Spielplan des Theatertreffens, gehört zu den paar Produktionen, die englisch übertitelt werden - gesponsert vom Goethe-Institut für internationale Gäste. Um die Technik kümmert sich Britta Geister, sie saß am Dienstag im Regieraum. Geister kennt Bad Godesberg, dort hat die Regisseurin einen Teil ihrer Ausbildung absolviert. Die Welt ist klein.
Ibsens Stück erzählt von einem Skandal. Badearzt Stockmann hat festgestellt, dass Wasserleitung und Bäder durch Industrieabwässer verunreinigt worden sind. Der Aufklärung und Beseitigung des Schadens stehen die materiellen Interessen des Kurortes entgegen, Stockmann, bei Langhoff ein Badearzt mit Migrationshintergrund, wird zur Persona non grata. Er steigert sich daraufhin in einen Wutanfall gegen die Gesellschaft und ihre "sämtlichen geistigen Lebensquellen". Der Narziss übersieht dabei, dass er selbst Teil der von ihm beklagten Misere ist.
Der Berliner Regisseur Langhoff hat das in Bonn, aber wie für ein Berliner Publikum eingerichtet: unkonventionell, antitraditionalistisch, assoziationsreich. Zwischen Ritual und Revue, Klamotte und Agitprop-Parodie bahnt sich seine Inszenierung ihren Weg in die Nervenbahnen eines neugierigen, aufnahmebereiten Publikums. "Lukas Langhoff setzt knappe, scharfe Schlaglichter", lautete das Jury-Urteil.
Am Dienstagabend stellte sich das Bonner Theater dem Souverän: dem Publikum. Im bestens gefüllten Großen Saal der Berliner Festspiele, darin natürlich auch der Bonner Generalintendant Klaus Weise, spielten sie mit einem Wort: umwerfend. Der Erfolg war akustisch messbar. Es gab donnernden Applaus.
Artikel vom 16.05.2012
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