In 200 Jahren: Urlaub im Urwald

Die Naturwaldzellen im Kottenforst entfalten sich ohne menschliche Eingriffe
Bild 1 von 3

 Foto: Holger Willcke

Bonn. Abgestorbene Bäume liegen auf dem Waldboden und werden von Moosen, Pilzen und Farnen überwuchert. Immer öfter wundern sich Spaziergänger im Kottenforst darüber, dass "ihr" Wald verwildert, "unaufgeräumt" aussieht. Vermutet wird meistens, dass fehlendes Forstpersonal der Grund für diesen unordentlichen Zustand ist.

Weit gefehlt: Das Verwildern des Waldes ist beabsichtigt. Ziel des sogenannten Naturwaldzellen-Programms des Landes Nordrhein-Westfalen ist, mehr Hinweise über die natürlichen Entwicklungsabläufe des Waldökosystems zu erhalten. Und ganz nebenbei entwickeln sich diese Naturwaldzellen zu "Urwälder von morgen".

Uwe Schölmerich, Leiter des Regionalforstamtes Rhein-Sieg-Erft, erwartet, dass die Naturwaldzellen im Kottenforst in rund 200 Jahren einen urwaldähnlichen Zustand erreicht haben: "Aber auch dann sieht es im Kottenforst nicht so aus wie in Tarzans Dschungel. Die Buche wird bei uns die Überhand behalten, weil sie sich in unseren Breiten sehr wohl fühlt."

Die Idee zu dem landesweiten Naturwaldzellen-Programm ist in Bonn geboren. Professor Herbert Hessmer, der bis 1959 das damalige Forstamt Kottenforst geleitet hat, war davon überzeugt, dass nur ein Wald, der über einen langen Zeitraum forstwirtschaftlich in Ruhe gelassen wird, einen Einblick in seine natürliche Entwicklung gibt.

Allerdings dauerte es noch bis 1971 bis das Land NRW den Startschuss für das Pilotprojekt gab. Bereits ein Jahr vorher wurde im Kottenforst das erste Waldstück als Ruhezone deklariert. Die 19 Hektar große Fläche mit dem Namen "Oberm Jägerkreuz" vegetiert nun seit mehr als 40 Jahren vor sich hin. Der Landesbetrieb Wald und Holz hat auch bereits eine erste Zwischenbilanz gezogen. Demnach führt die enorme Konkurrenzkraft der Buche langfristig zum Rückgang der Baumartenvielfalt. Nur in Waldgesellschaften, denen die Buche nicht angehört, kann sich ein artenreiches Baumartenspektrum entwickeln.

Im Kottenforst gibt es noch eine zweite Naturwaldzelle: Der 36 Hektar große Probstforst soll vor allem Aufschluss über die Standortbedingungen der Eiche geben. Auf der anderen Rheinseite gibt es im Siebengebirge seit 2010 das erste Wildnisgebiet in NRW. Auf einer Fläche von 530 Hektar werden dort die gleichen Ziele verfolgt wie in den Naturwaldzellen im Kottenforst. Am Nonnenstromberg und am Petersberg gibt es außerdem noch zwei Naturwaldzellen. "Diese Gebiete eignen sich hervorragend, um Forstwirtschaftsstudenten den Unterschied zischen Natur- und Wirtschaftswald in der Praxis zu zeigen", erklärte Schölmerich.

Kurz gefragt:

Über die Entwicklung der Waldbewirtschaftung im Kottenforst äußert sich Forstamtsleiter Uwe Schölmerich im Gespräch mit Holger Willcke.

General-Anzeiger: Was ist der Unterschied zwischen Naturwald und Wirtschaftswald?

Uwe Schölmerich: Für den Naturwald ist der hohe Anteil an Totholz typisch. Im Wirtschaftswald werden abgestorbene Bäume entfernt und vermarktet.

GA: Warum ist Totholz für einen naturnahen Wald so wichtig?

Schölmerich: Wenn alte Bäume sterben und zerfallen bieten sie Lebensraum für junge Bäume, Insekten, Käfer und Spinnen. Fast noch wertvoller sind aber Bäume, die sich im Stadium des Absterbens befinden. Sie sind wichtige Biotopbäume für Fledermäuse und verschiedene Vogelarten wie zum Beispiel Spechte.

GA: Warum wird der Kottenforst nicht komplett als Naturwald deklariert?

Schölmerich: Zum einen benötigen wir die Holzwirtschaft aus energiewirtschaftlichen Gründen, zum anderen müssen unsere Wälder als Naherholungsraum für Menschen erhalten und zugänglich bleiben. Und das geht nur, wenn Förster den Wald nachhaltig pflegen, damit die nächste Generation auch noch etwas davon hat.

Artikel bookmarken bei... Facebook retweet Del.icio.us in Google Bookmarks speichern bei Mister Wong speichern bei Webnews speichern Yigg
Abo-Bestellung

Anzeigen

Anzeige

Anzeigen