Stefan Raetz und Bert Spilles: "Gegen das Disneyland für Konsumenten"

Die Bürgermeister aus Rheinbach und Meckenheim über ihre Befürchtungen zum geplanten Factory Outlet Center

<b>Eine Verödung</b> der Innenstädte fürchten Bürgermeister Stefan Raetz (links) und Bert Spilles, falls das FOC kommt. Foto: Volker Lannert

Auf der Grafschaft wird die Ansiedlung eines großen Factory Outlet Centers (FOC) geplant. Die Nachbarstädte fürchten negative Auswirkungen auf die Einzelhandelsstruktur ihrer Innenstädte. Mit Bürgermeister Stefan Raetz (Rheinbach) und Bert Spilles (Meckenheim) sprach Jörg Manhold.

General-Anzeiger: Sie sind gegen den Bau eines FOC. Weshalb?

Raetz: Ich bin strikt dagegen, weil das massive Auswirkungen auf die Städte in der Region hätte. Jedes zweite Geschäft wäre dann gefährdet, und wir hätten langfristig nur noch Billigläden. Aber mir geht es hier nicht um Konkurrenzschutz, sondern um den Erhalt der Qualität und Funktion unserer Innenstädte.

Spilles: Wir sind gegen das Disneyland für Konsumenten. Wir versuchen ja gerade, die Innenstädte zu stärken, indem wir Geld in die Umgestaltung stecken und zum Beispiel öffentliche Plätze aufwerten oder neue Verkehrskonzepte anbieten.

GA: Beschreiben Sie das Szenario, falls das FOC kommt.

Raetz: Wenn das Outlet-Center mit 26 000 Quadratmetern Verkaufsfläche kommt, dann werden dort wohl noch Baumarkt und Mediamarkt folgen. Das zieht massiv Kaufkraft aus den Innenstädten und eine Abwärtsspirale setzt sich in Gang, die nur schwer aufzuhalten wäre. Und das kostet Arbeitsplätze und raubt unseren Innenstädten eine wichtige Funktion. Es gibt Untersuchungen, dass FOCs überall dort schädlich wirken, wo sie nicht in die vorhandene Innenstadt integriert sind. Und das wäre dort der Fall.

Spilles: Wir haben viel für das ansässige Gewerbe getan, etwa ein Einzelhandelskonzept erstellt und einen Ideenwettbewerb für die Altstadt ausgeschrieben. Wir setzen darauf, dass die Kunden Fachgeschäfte wollen mit kompetenter Beratung. Das FOC würde den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Das heißt kurz und knapp: Ohne Steuereinnahmen kann auch nicht an anderen Stellen wie im sozialen Bereich oder in die Infrastruktur investiert werden. Darüber sollte sich jeder im Klaren sein, der vordergründig auf "Schnäppchenjagd" ist.

GA: Ein FOC würde doch auch Kunden außerhalb der Region hierher locken.

Raetz: Ja, aber die fahren gezielt zum FOC und machen keinen Abstecher nach Rheinbach oder Meckenheim. Das würde uns touristisch nichts bringen. Die FOC-Betreiber spekulieren in der Tat nicht nur auf die Bürger aus der Region als Kunden, aber sie würden sie mitnehmen.

GA: Können Sie Bürger verstehen, die im Factory Outlet Center einkaufen?

Raetz: Ja, das ist doch nur menschlich. Jeder würde da mal hinfahren, um zu gucken und dann auch dort einzukaufen. Und genau das ist unser Problem. Das ist die Herausforderung unseres Einzelhandels.

GA: Was können die Einzelhändler vom FOC lernen?

Spilles: Da gibt es den Spaßfaktor, den Essfaktor und den Kauffaktor. Wir müssen sehen, wie wir das auch in die Innenstädte bringen.

Raetz: Rheinbach hat eine gut funktionierende Innenstadt. Aber dennoch müssen die Einzelhändler ihre Verkaufsstrategie immer wieder überdenken und anpassen und nötigenfalls einen Relaunch durchführen. Sie dürfen sich nicht ausruhen.

GA: In Rheinbach gibt es die Diskussion um die Hauptstraße als Fußgängerzone, und in Meckenheim existieren mit Neuem Markt und Hauptstraße in der Altstadt zwei Zentren. Welche Ideen gibt es dafür?

Raetz: Die Hauptstraße ist ein Thema, das immer wieder auf die Tagesordnung kommt. Wir verfolgen aktuell konkrete Pläne, um die Hauptstraße noch mehr vom Verkehr zu entlasten. Momentan kann ich dazu nicht mehr sagen, weil wir in Verhandlungen sind.

Spilles: Ich sehe die beiden Zentren in Meckenheim eher als Vorteil. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels - die Bevölkerung wird immer älter - brauchen wir Nahversorgung, die gut zu Fuß erreichbar ist. Und das können wir bieten. Zudem wurde der Neue Markt saniert und für die Altstadt setzen wir mit dem Ideenwettbewerb positive Signale.

GA: Spricht der demografische Wandel nicht überhaupt gegen FOCs auf der grünen Wiese?

Raetz: Unbedingt, das FOC spekuliert auf den mobilen, kaufkräftigen Teil der Bevölkerung. An die Bedürfnisse von Bevölkerungsgruppen, die nicht so mobil sind und nicht mit dem Auto überall hin fahren können, denkt von den Betreibern keiner. Unsere Innenstädte können und müssen das leisten. Es ist deshalb eine Chance für die Einzelhändler, sich auch auf die Bedürfnisse der älteren Menschen einzustellen. Man könnte zum Beispiel künftig Rollator-Abstellflächen zur Verfügung stellen oder einen Nachhause-Bringservice anbieten.

Spilles: Solche Impulse geben wir zurzeit durch die Arbeit der Demografiebeauftragten und das Forum für Senioren, die die Bedürfnisse der älteren Menschen analysieren und bewerten.

GA: In den Ausbau des Grafschafter Gewerbegebietes sind Ausgleichsgelder des Bundes für den Berlinumzug geflossen. Wie ist vor diesem Hintergrund die FOC-Ansiedlung zu bewerten?

Raetz: Das ist schlicht eine Sauerei. Der Bund hat Geld gegeben, um die umzugsbedingten Folgen abzumildern, und genau den gegenteiligen Effekt wird es haben, wenn das FOC kommt.

GA: Was sagen Sie Ihrem Grafschafter Amtskollegen?

Raetz: Wenn die Vernunft siegt, dann verabschieden Sie sich von dem FOC.

Spilles: Stellen Sie den kurzfristigen Profit hinten an, und denken Sie an die negativen, langfristigen Folgen.

GA: Was wäre, wenn ein Investor ein FOC in Rheinbach oder Meckenheim errichten will?

Raetz: Wir wollen ein FOC weder bei uns, noch auf der Grafschaft.

Zu den Personen

Stefan Raetz, geboren 1959 in Flensburg, ist verheiratet und hat einen Sohn. Der Rechtswissenschaftler und Verwaltungswissenschaftler ist seit 1999 hauptamtlicher Bürgermeister von Rheinbach. Seit diesem Jahr ist er auch Sprecher der Bürgermeister aus dem Rhein-Sieg-Kreis.

Bert Spilles, 1958 in Meckenheim geboren, wurde in der Stadtverwaltung zum Diplom-Verwaltungswirt ausgebildet. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Nach Stationen im Bundeswirtschaftsministerium, der EU in Brüssel und der IHK in Australien wurde Spilles 2008 zum Bürgermeister gewählt.

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