Das GA-Torfieber grassiert wieder
Alle Infos zum großen E- und F-Junioren-Turnier des General-Anzeiger
Kreisstadt. (jov) Ohne Zeitdruck will der Bad Neuenahr-Ahrweiler Stadtrat seine Position zur geplanten Ansiedelung eines Factory Outlet Centers auf der Grafschaft festlegen. Bürgermeister Hans-Ulrich Tappe erläuterte in der jüngsten Ratssitzung, angesichts der mit dem Projekt verbundenen bedeutenden Weichenstellung für die Wirtschaft in der Region wolle man keine vorschnellen Entscheidungen treffen.
Wie berichtet, wurden dem Stadtparlament zunächst die bereits bekannten Gutachten ausführlich vorgestellt. Rund 60 Zuhörer verfolgten die Debatte. Zunächst informierte Sven Lachmann vom Institut für Regionalmanagement über die "touristischen Chancen für die Region", die er im Rahmen einer Potenzial-Analyse ermittelt hatte.
Er hielt es darin für wahrscheinlich, dass gut 20 Prozent der FOC-Besucher auch noch einen Abstecher in die umliegenden Städte machen würden. Tappe zweifelte daran und mahnte, mit diesen Zahlen sehr vorsichtig umzugehen. Außerdem warnte er: "Bitte kein Eifeldorf und keine historische Altstadt dort oben nachbauen - das wäre kontraproduktiv."
Im Anschluss stellten Joachim Will und Jan Schwarze von der ecostra GmbH ihre "Auswirkungsanalyse zur möglichen Realisierung des Projektes Eifel-Ahr-Portal in der Gemeinde Grafschaft" vor, die sie im Auftrag der Gemeinde Grafschaft erstellt hatten. Ergebnis: Selbst wenn man vom schlimmsten Fall ausgehe und die ungünstigsten Zahlen zu Grunde lege, seien die Auswirkungen auf den Einzelhandel in der Kreisstadt als verträglich einzustufen.
Christoph Kniel (CDU) fand allerdings, dass auch die prognostizierten fünf Prozent Umsatzeinbuße für den einen oder anderen Einzelhändler "zu viel" sei. Will bestätigte, es sei nicht auszuschließen, dass das FOC in dem einen oder anderen Fall heftigere Nachteile für einzelne Firmen mit sich bringe. "Aber in einer Marktwirtschaft muss Wettbewerb möglich sein."
Er unterstrich, dass die Innenstädte in der Peripherie des Outlet Centers nicht veröden würden. Ohnehin sei die Gefahr nicht gebannt, wenn das Projekt nicht in Ringen umgesetzt werde: "Einige Städte in Nordrhein-Westfalen scharren schon mit den Hufen." Die Frage sei nicht, ob ein FOC komme, sondern nur wann und wo dies der Fall sei.
Angesichts von rund 700 Arbeitsplätzen, die es derzeit in vergleichbaren FOC Wertheim nach Auskunft des dortigen Wirtschaftsförderers gebe, sei ein solches Projekt unbedingt als Entwicklungschance für den ländlichen Raum zu sehen. 70 Prozent der dortigen Arbeitsverhältnisse seien sozialversicherungspflichtig und auch qualitativ hochwertig.
"Im Übrigen ist in Wertheim keine einzige Betriebsschließung in der Innenstadt infolge des FOC bekannt", sagte Will. Für die Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels (BAG) erläuterte Rolf Pangels (Berlin) dessen von der Werbegemeinschaft Ahrweiler in Auftrag gegebenes Gutachten.
Dabei räumte er ein, erst am Sitzungstag zum ersten Mal seinen Fuß in die Kreisstadt gesetzt zu haben. Sein Gutachten basiere auf einem Modell, für das man keine Vor-Ort-Erhebung machen müsse. Auch für ihn sei es klar, dass ein FOC komme, doch seine Interessenvertretung plädiere dafür, es dorthin zu bauen, "wo es am wenigsten Schaden anrichtet".
Nach seinen Analysen seien die Auswirkungen im Kerneinzugsbereich erheblich stärker, als dies im ecostra-Gutachten aufgeführt werde. Für die Innenstädte Bad Neuenahr-Ahrweiler, Remagen, Sinzig, Bad Breisig, Meckenheim, Rheinbach und Andernach nannte er Kaufkraftabflüsse von sieben bis 13 Prozent.
Die Grafschaft sei seiner Auffassung nach ein ungeeigneter Standort, er rate der Gemeinde von einem Zielabweichungsverfahren ab. Auf die Frage nach eventuellen Synergieeffekten für die Innenstadt sagte er, dass die Datenlage hierfür "sehr dürr" sei. Insgesamt relativierte er seine eigene Untersuchung mit dem Hinweis: "Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen zwischen uns und ecostra."
Artikel vom 29.10.2009