Von Botrytis und Öchsle-Graden

Raus aus der Redaktion, rein in den fremden Job: Diesmal ist Günther Schmitt einen Tag als Lesehelfer in den Wingerten hoch über Bad Neuenahr-Ahrweiler im Einsatz.
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 Foto: privat

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Samstagmorgen, halb acht: Mein Handy klingelt Sturm. Der Blick aufs Display zeigt, es ist Angie. "Johme?" "Mir john, on denk an die Lück an de Niddesch Porz." Winzer sind halt keine Menschen langer Worte, sie handeln. Und nach dem kurzen Dialog mit Angie weiß ich, was ich zu tun habe. Die Leseschere kommt in den Holster, die Kappe auf den Kopf und am Ahrweiler Niedertor steigen die Lesehelfer ins Auto.

Bunt gemischt ist eine Stunde später die Truppe, die sich in Angies Weinbergen am Karweiler Berg einfindet. Eigentlich heißt die Lage "Kirchtürmchen", aber das sagt keiner. Vor den Wingerten der 38-jährigen Winzerin aus Ahrweiler, im Hauptberuf Steuerfahnderin in Bonn, lässt Manni antreten.

Er ist der einzige gelernte Winzer des Teams. Und so erklärt er Tanzlehrerin Babsi, Student Rob, Berufssoldat Alex, Altenpflegerin Ingrid und mir: "Lest nur Trauben, die ihr auch selber essen würdet. Schneidet die Botrytis raus, ich will heute Abend keine Diskussionen mit Edgar." So hat er sich zwar nicht ausgedrückt, aber um des besseren Lesens der Lesegeschichte aus dem Wingert geht's hochdeutsch weiter.

Edgar ist gefürchtet, denn als Chef des Ahrweiler Winzervereins, dem Angie angehört, steht er an der Traubenannahme und lässt nur einwandfreies Lesegut durchgehen. Doch bis dahin vergehen noch etliche Stunden.

Bewaffnet mit Schere und Lesekiste geht es in die Reihen. Immer paarweise, denn nur so kommen die Helfer an alle Trauben. Bei Angie ist es Spätburgunder. Mit geübtem Griff reiße ich die Blätter vom Stock, denn Weinbergsarbeit ist einem echten Ahrweiler angeboren. Und schon bekomme ich die Folgen des Regens in der vergangenen Nacht zu spüren.

Binnen Minuten ist meine Hose durchnässt bis auf die Haut, Rob und Babsi ergeht es nicht anders. Die erste Traube in der Hand, ahne ich: Es ist nicht so wie in den vergangenen Jahren. Fast in jedem Rappen hat sich durch den August-Regen der gefürchtete Schimmelpilz Botrytis eingenistet. "Piddelsarbeit" ist angesagt. Faule Beeren werden je nach Befall mit der Scherenspitze rausgepult.

Bei starkem Befall wird sogar der halbe Rappen abgeschnitten, ganz traurige Fälle landen direkt auf dem Boden. Und das sind diesmal sehr viele Trauben. Schon nach rund einer halben Stunde in den Reihen des Steilhangs wird Angie klar: "Wir haben rund 60 Prozent Verschnitt." Dennoch füllt sich Kiste um Kiste.

Jeweils 30 Kilo passen in die roten Behälter, auf denen in weißer Schrift "Ahrweiler Winzerverein" steht. Während in der Nachbarreihe Babsi jubelt ("Ich hab' eine Supertraube"), tauschen Angie und Ingrid die neuesten Rezepte für Käsekuchen aus - ohne dabei das Lesen zu vergessen. Das ist für alle Routine, denn die Mannschaft kennt sich seit Jahren. Freunde helfen Freunden.

Drei Stunden später und Hunderte von Rebstöcken weiter: Hunger macht sich breit. Auf dem Weinbergsweg fährt Angie auf wie bei Fürstens: Fleischwurst, Brötchen, Senf, Kaffee, Kirschkuchen und Papillon - ein Cuvé vom Winzerverein. Doch zuvor wollen alle nur eines: Wasser.

Nicht für den Durst, sondern gegen die an den Händen gefühlten klebrigen 75 Grad Öchsle. Sorgenvoll blickt Manni zum Himmel, Regen droht: "Ab in den Wingert, Endspurt, der Edgar wartet." Nach 20 Minuten ist mit der Pause Essig. Von der abgelesenen Drahtanlage geht es in die Vertikal-Kultur, in der jede Rebe einen eigenen Stock hat.

"Den mit dem Flatterband lässt Du in Ruhe", zwinkert mir Angie zu. Mach ich auch, denn dieser Stock weckt schmerzhafte Erinnerungen an böse Schnitte bei den vergangene Weinlesen. Die Lesescheren sind nämlich fast waffenscheinpflichtig. Dito ist das Tempo, das wir vorlegen, denn im Regen will keiner mehr lesen.

Samstagnachmittag, halb fünf: "Das war's. Danke. Noch einer Fleischwurst, Brötchen und Papillon?" Kopfschütteln bei den Lesehelfern. Denn sie wissen, was Angie im Kofferraum hat. Hopfenkaltschale aus der Eifel. Prost und unverständliche Blicke einer vorbeiziehenden Touristengruppe. Den Fragenden kann geholfen werden, denkt sich Rob: "Der Wein ist zu wertvoll, dass wir ihn selber trinken."

Ach ja, der Wein. Jetzt geht's mit dem Trecker zu Edgar. Sein Blick in die Lesekisten entscheidet über Sein oder Nichtsein. 73 Grad Öchsle zeigt sein Refraktometer. In den Vorjahren waren es weit über 80, aber da war das Wetter auch besser. Angie ist zufrieden, wenn auch der Ausfall die Freude über die abgeschlossene Lese trübt. Feierabend: "Johme?" "Mir john."

Der Beruf

Winzer stammt vom lateinischen vinitor (Weinbauer/Weinleser) bzw. vinum (Wein). Für den Beruf sind im deutschen Sprachraum auch andere Bezeichnungen gebräuchlich, wie Weingärtner oder Wengerter in Württemberg, Weinzierl auf Bairisch, Weinhauer in Österreich oder Weinbauer in Tirol.

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