Das GA-Torfieber grassiert wieder
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Raus aus der Redaktion, rein in den fremden Job: In unserer Serie schlüpfen Redakteure des GA für einen Tag in andere Berufsrollen.
"Ham se schon?" Der Mann auf dem Bad Honnefer Rathausplatz eilt zu seinem Wagen, als er die zwei Herren und mich in unseren Ordnungsamtsjacken vor seinem Kombi stehen sieht. Das Ticket, das er per "Brötchen-Taste" am Automaten gezogen hat und das für eine Viertelstunde kostenfreies Parken erlaubt, ist seit einigen Minuten abgelaufen.
Innerlich muss ich grinsen, kann ich doch die plötzliche Hektik, die der drohende Wisch unterm Scheibenwischer auslöst, nur zu gut nachempfinden. Aber heute stehe ich auf der anderen Seite, bin die Politesse, die ihm die Knolle aufs Auge, oder besser aufs Auto, drücken könnte.
Also bemühe ich mich um ein ernstes Gesicht, während mein heutiger Vorgesetzter Thomas Breutigam dem Mann "Nee, wir diskutieren noch" antwortet - allerdings mit einem Schmunzeln, das den Autobesitzer erkennen lässt, dass er noch mal am Knöllchen vorbeikommt. "Es hat hier im Rathaus etwas länger gedauert", schiebt der Mann hinterher.
"Typisch", sagt Marcel Gilbert. "Ich war doch nur mal schnell..." sei die häufigste Ausrede, die er höre, wenn er der "Überwachung des ruhenden Verkehrs" nachgeht. So heißt das im Ordnungsamts-Deutsch. Gibt es eigentlich eine männliche Bezeichnung für Politesse? "Politeur vielleicht?", scherzt Gilbert.
Im Duden steht nur der Begriff "Politesse", der aus "Polizei" und "Hostess" zusammengesetzt ist. Ist aber auch egal, denn die korrekte Bezeichnung für meinen heutigen Job lautet: "Verwaltungsangestellte im Außendienst, Fachbereich Sicherheit und Ordnung". In Bad Honnef gibt es keine Angestellten, die sich ausschließlich mit dem Verkehrsdienst befassen, hat mir Thomas Breutigam erklärt, als ich um 8 Uhr den Dienst angetreten habe.
Breutigam leitet und koordiniert den Außendienst mit drei Kollegen in Vollzeit und zwei in Teilzeit. Ihre Aufgaben sind vielfältig: Sie haben ein Auge darauf, ob Schäden etwa an Straßen und Gehwegen oder an Bäumen eine Gefahr darstellen, ob jemand illegal Müll abgeladen hat und ob Baustellen ordnungsgemäß gesichert sind.
Sie führen Geschwindigkeitsmessungen durch, kontrollieren Gaststätten in Sachen Jugendschutz, entfernen Tierkadaver, führen Zwangseinweisungen durch und übernehmen Rufbereitschaft. "Ich kann mich heute nicht drauf einstellen, was morgen ist", sagt Breutigam.
Und er verschweigt nicht, dass es nicht immer nur schöne Begebenheiten sind, derer er sich annehmen muss. Aber gerade die Abwechslung gefällt ihm auch: "Es ist keine Fließbandarbeit, sondern jeden Tag was Neues. Und es ist schön, dass man ständig draußen ist."
Das genieße ich auch, während ich mit Marcel Gilbert die Autos auf dem Rathausplatz abschreite. Ha, da habe ich jemanden erwischt: Das Ticket ist eine halbe Stunde abgelaufen. Tatbestand Nummer 113141, tippt Gilbert in das "Mobida" - das mobile Gerät zur Datenerfassung, das das Knöllchen ausspuckt: Parken ohne gültigen Parkschein, macht zehn Euro.
Zur Beweisführung schießt er zwei Fotos und ich beobachte amüsiert, dass plötzlich reger Betrieb am Parkautomaten herrscht. Mancher Passant grüßt freundlich, andere beachten uns kaum. Auch Sprüche wie "Die Abzocker sind wieder da", hört Gilbert. "Das geht da rein, da raus", sagt er.
Der Sinn sei ja nicht abzukassieren, sondern Verkehrsbehinderungen zu vermeiden, so Breutigam. Doch die Außendienstler bekämen oft Beschwerden ab. Um Dispute gar nicht erst entstehen zu lassen, helfe ein ruhiges, sicheres und freundliches Auftreten - keine Frage, das haben die Kollegen beide.
Mit Breutigam steige ich ins Auto, es geht in die Weinberge zum Siegfriedfelsen. Dort hat das Team Warnschilder und Absperrungen wegen Steinschlags aufgestellt. Herabstürzende Brocken könnten Lebensgefahr für Fußgänger bedeuten. Dennoch muss Breutigam immer wieder feststellen, dass die Absperrungen beiseite geschoben wurden - so auch heute.
Der Verwaltungsmann, der auch Vize-Löschgruppenführer bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, stellt die Absperrung wieder auf. An der Endhaltestelle haben Scherzkekse das Einbahnstraßen-Schild umgedreht. Breutigam dreht es wieder richtig. Weiter geht es über die Insel, wo wir freundlich einem Paar zunicken, das seinen Hund ordnungsgemäß an der Leine führt.
Zurück im Rathaus hänge ich die Ordnungsamtsjacke über den Stuhl, wo sie mich erwartet hat. Beim Nachhauseweg über den Rathausplatz muss ich schmunzeln: Ich bin tatsächlich versucht, hinter die Windschutzscheibe eines der Autos zu schielen! Aber das lasse ich dann doch bleiben.
Artikel vom 28.10.2010