Das GA-Torfieber grassiert wieder
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Region. Raus aus der Redaktion, rein in den fremden Job: In unserer neuen Serie schlüpfen Redakteurinnen und Redakteure des GA für einen Tag in andere Berufsrollen.
Klar gibt es das Klischee: Alle Mädels mögen Fury und seine Artgenossen. Egal, ich freu' mich drauf, einen Tag als Pferdewirtin zu jobben. Mein Einsatz beginnt - später als gedacht - um 9 Uhr. So hat es meine neue Chefin, Christine Merdon, vorgeschlagen. Die 27-Jährige selbst hat zu der Zeit mindestens schon die erste Runde Arbeit hinter sich.
Als ich auf ihrem schönen Hof mit dem vielen Grün drum herum in Hennef-Altenbödingen ankomme, treffe ich erst mal ihre Mutter Heike Löbach (54). Sie ist gleich zu Beginn vor dreieinhalb Jahren mit in das Unternehmen der Tochter eingestiegen und fegt am Morgen schon die Boxengasse. So nennen die Expertinnen den Mittelgang im Pferdestall.
Dann kommt auch Christine. Sie wohnt mit ihrem Mann direkt an ihrem Arbeitsplatz, auf der ersten Etage des großen, roten Gebäudes. Sie begrüßt mich freundlich: "Schön, dass Sie da sind, dann machen wir uns mal einen netten Tag." Klingt gut, denke ich und erfahre, dass bei ihr 36 Pferde in der Rundum-sorglos-Vollpension leben.Zur professionellen Betreuung der Tiere gehört neben dem Füttern mit Heu und Kraftfutter, dem gründlichen Misten der Ställe auch der tägliche Gang auf die Weide. Wenn die Besitzer der Pferde das wünschen, gibt es auch Reitunterricht von der Expertin. Dann geht's los. Ich steige ein in die Reinigung der Gasse.
Das heißt, ich kehre das alte Heu und Einstreu samt der Pferdeäpfel mit einem großen Besen den Gang entlang, ganz bis nach hinten, wo die Schubkarre steht. Darin landet der ganze Haufen, später geht's weiter in Richtung Kompost. "Noch vor Kurzem war das alles ganz easy", meint Christine. Für das Misten der Boxen und das Fegen des Gangs brauchen Mutter und Tochter in der Zeit von Mai bis September vormittags rund eine Stunde.
Denn wenn's warm genug ist, bleiben die Pferde über Nacht auf den Weiden, und im Stall fällt weniger Dreck an. Ab Oktober dauert die Reinigungsprozedur deutlich länger, vier Stunden. Klar, denn in der kalten Jahreszeit verbringen die Pferde die Nächte in den Boxen und kommen erst am frühen Morgen nach draußen.
Macht nichts, ich tue das, was die Expertinnen tun, nur langsamer, und kehre angenehm entschleunigt vor mich hin. Beim letzten Besenstrich erfahre ich: Die Böden der mittlerweile ganz sauberen Boxen sind mit Gummimatten isoliert, so haben es die Pferde auch im Winter warm von unten.Jetzt geht's ans Einstreuen: Wir verteilen frische Holzspäne in den geräumigen Behausungen der Tiere. Das neue Heu schieben wir mit einer Art Riesengabel in die Gasse vor die Boxen. Ich frage: "Warum davor?" Das ist natürlich gut durchdacht: Wenn die Pferde gleich zu ihrer Mittags- und Futterpause von den Weiden reinkommen, stecken sie die Köpfe durch die großen Öffnungen nach draußen und kommen so an ihre Nahrung heran.
"So können sie nach rechts und links oder sich gegenseitig anschauen, das ist netter für sie ", sagt die gelernte Bürokauffrau Christine Merdon. Auch die Futterverteilung folgt einem genauen Plan: Mehr Heu für die großen Pferde, weniger für die kleinen. Und dann gibt es die Tiere, deren Besitzer sie aus Gesundheitsgründen auf Diät gesetzt haben.
Wie zum Beispiel Fedia und Nepomuk, die ich zwar noch nicht persönlich kenne, aber immerhin schon weiß, in welchen Boxen sie stehen. Gleich, wenn das Heu verteilt ist, gibt es also den ersten richtigen Kontakt zu den Pferden. Wir schnappen uns die passenden Halfter, die im Stall ordentlich in einer Reihe unter dem jeweils passenden Namensschildchen angeordnet sind und machen uns auf den Weg zur ersten Weide.
Als die Chefin das Gatter wieder von außen schließt, führt sie drei Pferde, ich eins am Strick in Richtung Stall. Das ist okay, so bleibt die ganze Sache übersichtlich, und ich geleite "mein Pferd", besagten Nepomuk, ganz entspannt in seine Box. Und was macht er? Steckt sein süßes Köpfchen durch die Öffnung und fängt an zu futtern.
Während sie ein paar mehr Pferde in ihre Boxen bringt, hat sich Christine Merdon etwas überlegt. Ein kleiner Ausritt auf ihren eigenen Pferden wäre doch eine schöne Sache. Finde ich auch. Und hoffe, dass es gutgeht. Denn mittlerweile weiß ich, dass meine Chefin ihre mehrjährige Profi-Ausbildung am und auf dem Pferd in den USA genossen hat und im Western-Stil reitet. Das habe ich noch nie gemacht, nur "ganz normal" mit - zumindest für mich - herkömmlichem Sattel und Zaumzeug.
"Das klappt schon", sagt die 27-Jährige, während wir ihre beiden Pferde striegeln und zum Ausritt fertig machen. Ihre Stute heißt Sugar, "meine" Nice. Und wirklich, sie behält Recht. Erst fühlt sich der vergleichsweise große Sattel komisch an, später dann wird's richtig gemütlich. Auch daran, dass ich die Zügel nicht wie sonst in beiden Händen, sondern nur in einer halte, kann ich mich gewöhnen. Der Ausritt - zugegeben nur im Schritttempo - macht Spaß und geht viel zu schnell vorbei. Das i-Tüpfelchen eines gelungenen Arbeitstages.
Artikel vom 15.10.2010