Das GA-Torfieber grassiert wieder
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Bad Neuenahr-Ahrweiler. Morgens, acht Uhr auf dem Ahrweiler Marktplatz. Ein roter Pickup mit voll beladenem Anhänger fährt vor. Herms Wittkopf steigt aus. Er ist Zimmerermeister, 42 und kein Freund langer Worte: "Moin, mach' die Spanngurte ab."
Meine Handschuhe fliegen auf die Pritsche, denn sie taugen nicht für Filigranarbeit. Eine Minute später kommt das nächste Gespann mit identischer Ladung: Es sind Stände für den Ahrweiler Weihnachtsmarkt, der am Freitag seine Pforten öffnet. Die sollen aufgebaut werden, von Herms, seiner Rentner-Gang Horst, Erich und Manni, "Küken" Tobias und mir.
Es ist kalt. Doch schon nach kurzer Zeit bilden sich Schweißperlen auf meiner Stirn. Die Fertigteile der Buden sind nämlich alles andere als leicht. Neun Stände sollen an diesem Tag aufgebaut werden, zwei große, zwei mittlere, fünf kleine. Alle kommen aus der Zimmerei von Herms Wittkopf, dessen Vater Heinrich vor 35 Jahren die erste beiden Buden baute. Heute prägen die Stände aus Ahrweiler das Bild der Weihnachtsmärkte von Remscheid bis Rheinbach und Rech.
Ihr Aufbau ist je nach Größe unterschiedlich und reicht vom Stecksystem bis zu Scharnier und Angel. Wichtig sind zwei Parameter: Alles muss im Lot sein, und der rechte Winkel muss stimmen. Das klappt mit Wasserwaage und Pythagoras. Ist der Unterbau fertig, kommen die genormten Einzelteile dran, gesteckt und geschraubt.
Neun Uhr: Die erste Bude steht. Die "Dienstältesten", Horst (71) und Erich (67), fahren mit einem Hänger nach Freisheim. Vom dortigen Weihnachtsmarkt muss eine Bude nach Ahrweiler. Auch Herms und Tobias (22) machen die Düse: zum Lager. Denn immer nur ein Stand passt auf den Hänger.
Kurze Rauchpause, Manni und ich richten den nächsten Boden aus, klinken Seitenteile ein, geben den Dachteilen den entscheidenden Stups, schrauben die Sturmsicherung fest, und schon steht das nächste Prachtstück - nach 45 Minuten. Damit liegen wir in der Regelzeit, auch wenn der gerade wieder eingetrudelte Herms frotzelt: "Hier wird zwar nicht auf Zeit gearbeitet, aber es könnte schneller gehen."
"Du mich auch", kontert Manni, legt die Wasserwaage auf den nächsten Boden. "Da müssen Keile drunter." Ein Griff nach unten, und ein unchristliches Wort kommt im Schatten der Pfarrkirche Sankt Laurentius über meine Lippen. Auf der öffentliche Toilette wasche ich mir das klebrige braune Etwas von den Händen und schimpfe über rücksichtslose Hundehalter.
Drei Flüche weiter schlägt es vom Kirchturm zwölf: Mittagspause. Das ist bei Wittkopfs Tradition. Erica, die Seniorchefin, fährt für eine ganze Hundertschaft auf: Schlachtplatte mit Würsten, Kasseler und Koteletts - einfach nur lecker. Auch Erich schmeckt's. Er hat die Bude aus Freisheim gebracht und trudelt als letzter ein. Zur "Zigarette danach" geht's in Wittkopfs "Handwerkskammer", das Refugium des Seniorchefs.
Herms drängelt: "Ausrauchen, laden." Dach nach unten, Seitenteile drüber und den Boden ganz nach oben. Auch das hat System. Denn so werden beim Aufbau auf dem Marktplatz unnötige Handgriffe vermieden. Das Team ist eingespielt, es fluppt bei der Arbeit. Wenn da nur dicht das unsägliche Kreischen einer Verputzmaschine auf einer benachbarten Baustelle wäre: ein Königreich für Ohrstöpsel. Doch auch das geht vorbei, ebenso rasend wie die Zeit. Es dämmert schon, als die letzten Lichterketten und Glühbirnen an den Weihnachtshäuschen angebracht werden.
Feierabend, Durchatmen, eine gemeinsame Kippe zum Finale und ein Plausch mit dem zweiten Budenbeschicker des Marktes, Michael Schuch. Der fährt mit seinem funkelnagelneuen "Manitou-Lader" seine letze Gitterbox weg, tauscht sich mit Herms aus und findet gemeinsam mit Weihnachtsmarkt-Chef Siegfried Eberle: "Sieht doch alles gut aus."
Artikel vom 26.11.2010