Das GA-Torfieber grassiert wieder
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Bonn. Raus aus der Redaktion, rein in den fremden Job: In unserer neuen Serie schlüpfen Redakteurinnen und Redakteure des GA für einen Tag in andere Berufsrollen:
Als um 3.30 Uhr der Wecker klingelt und ich mich aus dem Bett schäle, verfluche ich den Tag, an dem ich diese Idee hatte. Wie konnte ich nur auf den Gedanken kommen, den Arbeitstag eines Busfahrers zu beschreiben? Noch dazu im Frühdienst! Aber jetzt ist es zu spät, der Termin steht.
Wir wollen uns um 4.45 Uhr treffen. Im Dispo-Zentrum der Stadtwerke Bonn an der B 9 in Friesdorf. Ich bin sogar ein paar Minuten früher da, denn morgens um halb fünf kann ich ohne den störenden Einfluss anderer Fahrzeuge durch die Bundesstadt rauschen. Natürlich ist auch "mein" Busfahrer pünktlich am vereinbarten Treffpunkt. Denn Pünktlichkeit ist sein Beruf.
Wilfried Straube ist ein "alter Hase" in seinem Job. Seit 25 Jahren befördert - wie es im ÖPNV-Jargon so schön heißt - der Dünstekovener seine Fahrgäste kreuz und quer durch Bonn. Und seit 25 Jahren führt ihn bei jedem Dienstbeginn sein erster Gang ins Dispo-Zentrum. Dort geben an diesem Morgen Rainer Mittler und Karl Axer die Dienstpläne aus.
Auf welcher Linie sie unterwegs sein werden und wann sie starten müssen, wissen die Fahrer schon länger. Aber es kann etwa durch Baustellen immer wieder zu Änderungen im Streckenverlauf oder bei den Fahrplänen kommen.
Wilfried Straube nimmt um 4.50 Uhr seinen Zettel für die Linie 603 in Empfang. Der 50-Jährige kennt alle 44 Linien der Stadt "wie im Schlaf". Den Vergleich hört er aber nicht gerne, er könnte zu Missverständnisse bei den Fahrgästen führen. Wir werden Bonn heute zehn Mal durchqueren.
Von Bechlinghoven bis Röttgen und zurück. Zeit für ein Brötchen in der Fahrer-Kantine bleibt nicht mehr, ein Pappbecherkaffee zum Mitnehmen tut es auch. Um Punkt 5.28 Uhr müssen wir an der ersten Haltestelle an der Friedensstraße in Bechlinghoven starten.
Doch zunächst gilt es, unseren Bus zu finden. Für einen Eintagesbus(bei)fahrer wie mich ein schwieriges Unterfangen, angesichts von 200 Bussen auf dem Betriebshof. Die stehen dort nicht rum wie auf einem wilden Parkplatz, sondern in der Reihenfolge ihrer Ausfahrt. Unser Wagen - Nummer 9619, ein MAN, Baujahr 1996, 300 PS - nimmt die Pole Position ein: Reihe 48, ganz vorne.
In der Nacht sind alle Busse durchgecheckt, gereinigt und - bei Bedarf - aufgetankt worden. Es könnte also losgehen, wenn da nicht der Fahrkartendrucker streiken würde. Straube holt bei seinen Kollegen vom Service ein neues Modul, der Drucker druckt wieder. Schnell noch die Spiegel eingestellt, und um 5.14 Uhr fahren wir vom Hof. Und weiter über die immer noch leere B 9 und die Südbrücke nach Bechlinghoven.
Ist es nicht ziemlich schwer, mit einem 18 Meter langen Gelenkbus durch eine Großstadt zu kurven? Nein, lautet Straubes knappe Antwort, nicht schwieriger als mit einem "normalen" Bus. Das beruhigt. Fünf Minuten vor der ersten Abfahrt sind wir an der Haltestelle Friedensstraße. Kein Mensch da. Es ist immer noch dunkel. Der erste Fahrgast steigt am Halt Im Bonnet zu.
Die Frau ist Krankenschwester und muss zum Frühdienst ins Johanniter-Krankenhaus. An Pützchens Marktgelände vorbei geht es in der Dämmerung über die Siegburger Straße in Richtung Beuel. Mit zunehmender Helligkeit füllt sich auch der Bus. Um 5.40 Uhr ist schon so etwas wie Leben auf der Friedrich-Breuer-Straße zu beobachten.
Ein Hund zieht einen müden Mann hinter sich her, die Bäckereien verkaufen die ersten Brötchen des Tages. Die Stadt wird langsam wach. Durchs Baustellennadelöhr auf der Kennedybrücke schlüpfen wir zu dieser frühen Stunde locker durch. Im Berufsverkehr kommt es dort immer wieder zu Staus und damit zu Verspätungen.
Um 5.55 Uhr erreichen wir den Busbahnhof. Eine Fahrkarte haben bis dahin die wenigsten Fahrgäste gekauft. Sie sind aber keine Schwarzfahrer, sondern Inhaber von Dauertickets. Über die Meckenheimer Allee führt die Reise weiter nach Poppelsdorf und hoch nach Ippendorf. Auch dort sind noch viele Rollläden unten. Im Katzenloch ist nur noch ein Fahrgast dabei, der zur Endhaltestelle nach Röttgen will, die wir exakt nach Fahrplan um 6.13 Uhr erreichen.
Um 6.30 Uhr beginnt die Rückfahrt. Fahrer und Beifahrer zollen einer Joggerin Respekt, die sich nach Ippendorf hinauf quält, während wir uns die Buckelpiste runter quälen. Im Bus wird nicht viel geredet. Ein Mann um die 60 liest den "Spiegel", eine junge Frau einen Krimi. In Poppelsdorf sind nun schon einige Radfahrer unterwegs. Sie und diverse Lieferwagen, die ganz oder teilweise auf der Fahrbahn parken, zwingen Straube zu einem kurzen Slalom.
Um pünktlich an den Haltestellen zu sein, blickt er häufig auf seinen Dienstzettel, auf dem die Abfahrtszeiten aufgelistet sind. So kann er zwischendurch mal etwas mehr Gas geben, falls er an einer Baustelle Zeit verloren hat.
Um 9.58 Uhr ist am Hauptbahnhof erst mal Pause. Ein Kollege übernimmt den Bus. Zeit für einen Kaffee und ein Brötchen in einer Bäckerei. Wir übernehmen dann um 10.34 Uhr den Wagen eines anderen Kollegen auf derselben Linie. Insgesamt absolvieren wir bis 13.34 Uhr fünf Runden auf der 603, etwa 150 Kilometer.
Dann reicht es mir auch. Wilfried Straube wird den verpassten Schlaf jetzt zu Hause auf dem Sofa nachholen, denn auch am nächsten Morgen rappelt der Wecker wieder um 3.30 Uhr. Er hat die ganze Woche Frühdienst. Ich nicht. Der Arbeitstag in einer Redaktion beginnt zum Glück etwas später.
Artikel vom 21.09.2010