Das GA-Torfieber grassiert wieder
Alle Infos zum großen E- und F-Junioren-Turnier des General-Anzeiger
Bonn. Raus aus der Redaktion, rein in den fremden Job: In unserer Serie schlüpfen Redakteurinnen und Redakteure des GA für einen Tag in andere Berufsrollen.
Denken Sie nicht, dass nur Solisten Lampenfieber haben. Am Samstag ist im Bonner Opernhaus Bühnenorchesterprobe, und ich sitze aufgeregt auf der linken Seite hinter den Kulissen. Vor mir ein großes Schaltpult, Monitore mit der Bühnen-Totalen und Blick auf Generalmusikdirektor Stefan Blunier.
Vom Zuschauerraum können Sie den Arbeitsplatz nicht sehen. Und haben vielleicht, so wie ich, vorher noch nichts von der Berufsbezeichnung Inspizient gehört. Dabei ist es ein Traumjob, ohne den sich bei der Turandot-Premiere an diesem Sonntag der Vorhang nicht öffnen würde.
"Ich wollte das vor vielen Jahren schon werden", sagt meine Chefin für einen Tag, Tilla Foljanty. Sie ist seit dieser Spielzeit Inspizientin an der Oper Bonn. Und will es auch gerne für einige Zeit bleiben. "Die Leute machen diese Arbeit meist sehr lange."
"Die Oper ist ein großes Puzzlespiel", sagt die 43-Jährige. Ich merke schnell, was damit gemeint ist. Da sitzen erst mal rund 70 Musiker im Orchestergraben, hinzu kommen bei Giacomo Puccinis Turandot 70 Leute im Chor, 25 Kinder, 18 Statisten und neun Solisten.
Im Hintergrund machen zahlreiche Techniker ihre minuziös abgestimmte Arbeit. "Die hören alle auf mich", sagt Tilla Foljanty, was nicht eingebildet gemeint ist. Egal, ob ein Sänger auf die Bühne, der riesige Gong von oben herabgelassen werden muss oder bei den Rätselaufgaben in der Handlung Scheinwerferspots effektvoll über die aufgebaute Arena wandern:
Wir geben per Funk oder Hausanlage die Anweisungen. Meistens mit Punktlandung. Einmal schließt sich ein kleiner Vorhang zu schnell, das wird dann nächstes Mal langsamer gemacht. Vor uns liegt als Ablaufplan über die drei Akte eine dicke Klavierauszug.
Zum Glück kann ich Noten lesen und damit den Takten der wunderbaren Musik folgen. Auf fast jeder Seite hat Tilla Foljanty ("Die Musik ist unser Zeitmaß") mit Bleistift kleine Symbole mit Kurzanweisungen geschrieben.
Ein kleiner Kreis mit Punkt in der Mitte bedeutet "Einruf", zum Beispiel wenn die humorvolle Turandot-Hauptdarstellerin Rachael Tovey (Sopran) aus der Garderobe zu ihrem Auftritt gebeten wird. Ein Dreieck mit Punkt heißt "Achtung": Per Knopfdruck leuchtet an verschiedenen Stellen hinter der Bühne dann ein Licht.
Geht es wieder aus, weiß zum Beispiel der Saxofonist, dass er vors Publikum treten muss. Ein stilisiertes Funkgerät zeigt an, dass die Techniker angewiesen werden müssen. So wissen die Kollegen im Schnürboden etwa - einem Luftraum oberhalb der Bühne, aus dem Dekorationsteile geflogen werden - dass sie nun den Mond aufgehen lassen sollen.
"Für mich ist es eine Verbindung zwischen Kunst und Technik", sagt Opernfan Foljanty über ihre Aufgaben. Irgendwo oben im atemberaubend 22 Meter hohen Bühnenhaus dudelt ein Radio, "eine unerwünschte Klangquelle", wie Dirigent Blunier deutlich anmerkt.
Irgendwer rennt dorthin, schaltet es aus. Wird zwischendurch unterbrochen, geht die Inspizientin zum Bühnenrand und nimmt Kontakt zu Regie, Dirigent und den anderen Akteuren im Rund auf. Gilt es was zu klären, ist sie direkt ansprechbar.
Schon eine halbe Stunde vor Probenbeginn schauen wir rund um unseren Arbeitsplatz nach dem Rechten. Die Bühne: Alles in Ordnung, ein bisschen schaurig. Dutzende Gummiköpfe liegen auf dem Boden.
In die Rolle des glücklosen jungen Prinzen von Persien schlüpft ausnahmsweise Regiehospitantin Frederika Tsai, die - von Bühnenmeister Jürgen Wegner mit einem Gurt gesichert - auf eine Rampe schreitet. Wir geben das Zeichen, der Prinz fährt unter dramatischen Klängen in die Höhe.
Das nächste Opfer, das Turandot köpfen lässt. Es fließt Blut. Das kann man sich fürs Proben sparen, genau wie den Nebel, der erst bei der Aufführung wabert. Mit der Theaterklingel wird Foljanty an diesem Sonntag das Publikum auf seine Plätze bitten.
Da ist es dann wieder, das Lampenfieber. Doch wenn die Oper einmal läuft, wird jeder Handgriff sitzen. Im Puzzle Turandot sind alle Teile zusammengesetzt. Ich war ein winzig kleines davon.
Artikel vom 26.09.2010