Der Blues des Akkordeonisten

Raus aus der Redaktion, rein in den fremden Job: In unserer Serie schlüpfen Redakteure des GA für einen Tag in andere Berufsrollen. Diesmal gibt Jörg Manhold den Straßenmusiker. Seine Erkenntnis: Bevor der erste Euro in den Hut fällt, sind zehn Euro Gebühr fällig
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 Foto: Roland Kohls

Bonn. Es ist nicht leicht, ein Musikstudent aus Sankt Petersburg zu sein. Denn vor das regellose Leben als Straßenmusiker hat die Ordnungsbehörde die geregelte Anmeldung beim Amt gesetzt.

Das kostet zehn Euro und verleitet zum Frühaufstehen, denn sonst lohnt sich der Job nicht. Der Wecker klingelt früh, ich ziehe mich warm an, denn draußen ist es herbstlich kühl. Ich schnalle mir das Akkordeon auf den Rücken - Marke: Weltmeister, Farbe: Achat - nehme meinen Holzklappstuhl und gehe zur S-Bahn, Linie 66, Vilich Richtung Stadthaus.

Gar nicht einfach, mit zwölf Kilogramm Klangmaschine im Rucksack und mobiler Sitzgelegenheit in der Hand einen Fahrschein zu ziehen, geschweige denn, in der Rushhour einen Stehplatz in der Bahn einzunehmen, ohne dass jemand verletzt wird. Ich ernte zum ersten Mal an diesem Tag geringschätzige Blicke.

An der Infotheke im Stadthaus geht's schon besser. Die freundliche Dame sagt: "Spielerlaubnis für Straßenmusikanten, dritter Stock, Herr Christiansen." Auch der ist volksnah, nachdem er sich von mir im Großraumbüro - Marke 70er Jahre - hinter Raumteiler und breiter Säule hat finden lassen.

Der Job

Straßenmusiker ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Prinzipiell kann sich jeder auf die Straßen stellen und musizieren. In den meisten Städten - wie in Bonn - ist eine gebührenpflichtige Anmeldung erforderlich. In der Regel müssen die Akteure alle halbe Stunde den Standort wechseln.

"Ich würde Ihnen ja einen Stuhl anbieten, aber ich sehe, Sie haben Ihren eigenen dabei", lächelt er breit. Ich teile ihm mit, dass ich zehn Euro für die Spielerlaubnis für einen stolzen Betrag halte angesichts der Tatsache, dass ich mit nicht viel höheren Tageseinnahmen zu rechnen hätte.

Seiner Erfahrung nach betrachteten gute Musiker diesen Obolus als Schutzgebühr. Na, dann. Ich signalisiere Zustimmung und zahle. Ich erhalte die Spielerlaubnis 225/2010 nicht ohne den Gesetzestext: Keine Trommeln, keinen Verstärker, spätestens nach 30 Minuten den Standort wechseln, erst außer Hör- und Sichtweite weitermachen, frühestens nach zwei Stunden erneut dort hinkommen, Mittagspause ist von 13 bis 15 Uhr, die Genehmigung gilt bis 22 Uhr. Am Tag erhalten maximal drei Musiker die Erlaubnis, in der City zu spielen.

"Die Bonner mögen Straßenmusik, aber nicht im Übermaß." Heute bleibe ich der einzige. Irgendwie hatte ich mir dieses Leben anders vorgestellt - ein bisschen freier. Mein erster Weg führt mich in die Bäckerei, ich kann jetzt wirklich alles brauchen, was Stärkung ist. Kurz ziehe ich in Erwägung, mich danach am Karstadt zu postieren, denn hier muss jeder vorbeigehen, der vom Bahnhof in die Stadt will.

Leider sitzt da schon der Kollege mit der Obdachlosenzeitung. Ich wähle die Arkaden am Kaufhof, setze mich so unters Gerüst, dass mein Sammelhut gut sichtbar auf der Straße steht, ich aber nicht von einem herunterfallenden Hammer erschlagen werden kann. Passanten huschen vorbei, wieder diese Blicke, und ich hadere mit mir, ob der Standort wirklich optimal gewählt ist.

Der Autor

Jörg Manhold ist Redakteur in der Regionalredaktion des General-Anzeigers. Er berichtet überwiegend über kommunalpolitische Entwicklungen mit Schwerpunkt Linksrheinischer Rhein-Sieg-Kreis. Er spielt mehrere Musikinstrumente.

Und wie soll ich gucken, damit ich auch verdiene? Traurig auf den Boden oder den Menschen freundlich ins Gesicht? Ich entscheide mich für Letzteres und spiele trotzdem einen Blues. Eine chinesische Reisegruppe, die gerade am Martinsplatz aus dem Bus gefallen war, kommt auf ihrem Weg zum Beethovenhaus an mir vorbei.

Ich spiele Tango und erschrecke, als die erste Zwei-Euro-Münze in meinen Hut fällt. Und gleich noch eine. Zum Glück ist Beethovens Geburtshaus im chinesischen Reiseführer "Europa in drei Tagen" enthalten. Dann sind Studenten unterwegs. Es ist schon spät. Ich spiele "Englishman in New York" und beobachte, wie sich die Schritte der Passanten an den Takt meiner Musikstücke anpassen.

Hatte ich erwähnt, dass es zwar sonnig, aber windig und kalt ist? Ich bin froh, den Standort wechseln zu müssen, und suche Sonnenstrahlen am Remigiusplatz auf. Der Sammelhut wird umgeweht. Ich sammle die Münzen ein und stelle die schwere Akkordeontasche vor mich.

Schon der dritte geht vorbei, den ich im richtigen Leben eigentlich kenne. Hat er mich nicht erkannt, oder hat er schnell weggesehen und gedacht: "So weit ist es also schon mit ihm gekommen, dass er hier spielen muss." Selbst meine frühere Kommilitonin Karin geht zügig weiter.

Dann kommt die Zeit der Lieferwagen und Lkw. Ständig habe ich einen großen Reifen vor der Nase, atme Auspuffgase ein, muss meine Tasche wegnehmen um den Weg freizugeben. Am Dreieck hetzen die Leute vorbei, für Straßenmusiker ist nichts zu verdienen. Ich spüre, wie die Kälte meine Beine hochkriecht und bin froh, dass ich Mittagspause machen darf. Etwas über 20 Euro in zwei Stunden. Guter Schnitt. Die gehen ans Weihnachtslicht.

Nur das Marien-Medaillon behalte ich. Wer hat es mir wohl in den Koffer gelegt? Geld geben hauptsächlich ältere Damen, deren Sohn oder Enkel ich sein könnte. Mitleid? Auch Studentinnen geben. Und natürlich Kinder. Die sind die einzigen, die sich nicht schämen, stehen zu bleiben und mich anzugucken. Erwachsene machen das anders. Die parken sich vor einem Schaufenster und hören heimlich zu.

Ich genehmige mir eine günstige Pizza und denke über mein Programm am Nachmittag nach. Bloß keine Volksmusik, auch keine russische, habe ich mir vorgenommen. Stattdessen spiele ich "Another Brick in the Wall" von Pink Floyd. Der eine oder andere Passant erkennt es, stutzt, geht dann weiter. Klingt irgendwie ungewohnt auf dem Akkordeon.

Vor dem Beethoven-Denkmal ist kein guter Platz, die Leute machen reflexartig einen Bogen. Jetzt sitze ich vor Karstadt und trotz aller Vorsätze fließt "Kalinka" aus meinen Händen. Mein Blick fällt auf das gegenüberliegende Schaufenster von Appelrath und Cüpper. "Russian Romance - St. Petersburg" steht da. Ach, deshalb. Ich spiele weiter Russisches. Und genau so kalt ist mir auch.

Ich mache Feierabend und freue mich auf ein heißes Bad. Als ich mit Instrument und Klappstuhl Richtung Bahnhof gehe, kommt mir das Schlussbild von Heinrich Bölls "Ansichten eines Clowns" in den Sinn. Hans Schnier sitzt mit der Gitarre auf den kalten Stufen des Bonner Bahnhofs und spielt. Und fühlt sich trostlos. Ich kann's verstehen. Ab heute gebe ich jedem Straßenmusiker etwas.

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