Das GA-Torfieber grassiert wieder
Alle Infos zum großen E- und F-Junioren-Turnier des General-Anzeiger
Raus aus der Redaktion, rein in den fremden Job: In unserer neuen Serie schlüpfen Redakteurinnen und Redakteure des GA für einen Tag in andere Berufsrollen.
Die Nacht war alles andere als gut. Und mit jedem Stück, das von diesem Tag anbricht, stellt sich die Frage drängender: Ist die Mission richtig gewählt? Vielleicht sind zehn Kinder unter drei Jahren am Ende doch etwas anstrengender als zwei Patenkinder?
Aber da der Leiter der Kindertagesstätte "Mari und Monti", Eckhard Schmidt, mir beim Bewerbungsgespräch sein volles Vertrauen ausgesprochen hat, sollte ich mir einfach auch vertrauen. Außerdem wäre sonst der Arztbesuch samt Attest ("frei von ansteckenden Krankheiten") umsonst gewesen. Und ich würde nie erfahren, was man den lieben langen Tag mit null- bis zweijährigen Kindern alles anstellt.
Also geht es los, in den Bonner Ortsteil Neu-Vilich. Es ist noch sehr früh, aber scheinbar nur für mich. Meiner Kollegin Conny Ahrens jedenfalls sieht man die 7.15 Uhr nicht an. "Für die Kinder wäre es besser, wenn wir uns duzen", sagt die 28-Jährige, während sie Pfefferminztee aufsetzt.
Seit zwei Jahren ist sie für die Bärengruppe zuständig, in der sich alle beim Vornamen nennen. Diesen Sommer gab es 40 Bewerbungen für die Gruppe auf vier frei werdende Plätze; aber das nur am Rande.
Die ersten Bären, die punkt 7.30 Uhr in die Höhle getapert kommen, heißen Laura (1) und Tom (2). Sofort packen sie ihre kleinen Rucksäcke aus und setzen sich an den Mini-Frühstückstisch. Wie friedlich die Bärenwelt doch ist. Noch! Schon durchbricht das Schluchzen von Konstantin den Raum. Er bewegt sich altersmäßig zwischen eins und zwei und hat heute definitiv keine Lust, sich von seinen Eltern zu trennen.
Conny lenkt ihn perfekt ab, während ich staune. Denn Tom nimmt nach abgeschlossener Nahrungsaufnahme seinen Teller und spült ihn ab (ein bisschen spült er auch den Boden). "Wir legen hier großen Wert auf Selbstständigkeit der Kinder", erzählt Conny. Und sie gibt den vielleicht wichtigsten Ratschlag des Tages: "Wenn Du was von den Kleinen willst, sei nicht schwammig, sonst nutzen sie es aus. Sie haben sehr feine Antennen."
Derweil reißen wir Folienpapier in kleine Stücke. Daraus sollen Bilder entstehen, mit viel Kleister. Der klebt bald an Lauras Ärmeln, weshalb erst einmal ein Lappen her muss. Nebenbei trudeln bis 9 Uhr Alea (2), Karla (1), Colin (2), Marlene (1), die beiden Friedas (neun und zehn Monate) und Lennart (sieben Monate) ein.
Die ältere Frieda entschließt sich spontan, Schubladen auszuräumen. Das macht Spaß und hält die Erzieherinnen fit. Genau so habe ich mir das vorgestellt: Man hat Ohren, Augen und Arme zu wenig. In der Kissenecke wird es gemütlich, denn Tom, Laura und Alea wollen auf meinem Schoß ein Buch lesen. Dumm nur, dass sie sich nicht auf eins einigen können.
Das neudeutsche Wort vom Multitasking schießt mir durch den Kopf. Dann erinnere ich mich an die "Schwammig-Lektion" von Conny und entscheide: "Wir lesen: Thomas, die kleine blaue Eisenbahn." Das tun wir sieben Mal hintereinander.
Die Älteren - Tom, Alea und Colin - gehen jetzt mit meiner zweiten Kollegin Ilona Becker (24) in die Kita-eigenen Turnräume. Ilona arbeitet erst seit Juni in der städtischen Kindertageseinrichtung und legt dafür ziemlich viel Routine an den Tag. Überhaupt fällt auf, dass Conny und Ilona mit jedem Kind so umgehen, als wäre es das eigene.
Dazu zählen Strenge ("Es wird jetzt aufgeräumt im Bärenland") genauso wie Streichel- und Trosteinheiten. Und Überblick, an dem es mir definitiv mangelt. Nicht nur, dass die beiden alle zehn gleichzeitig im Auge behalten können.
Sie scheinen auch intuitiv zu wissen, wer wann gewindelt werden muss. Die Windel-Disziplin überlasse ich den Fachfrauen und spiele lieber mit Lennart das Spiel: "In wie viele Teile zerfällt eine Reiswaffel?" Mit seinen sieben Monaten braucht er doch mehr Aufmerksamkeit als die anderen - sonst kann er sehr laut werden.
Am späten Vormittag verlassen die Bären die Höhle und mischen sich draußen mit Fledermäusen, Igeln und anderem Getier. Wir backen Sandkuchen, der von manchen Kindern direkt probiert wird. Dann gibt es drinnen richtiges Essen. Alle löffeln, was das Zeug hält. Nur ich habe anderes zu tun.
"Fütterst Du mal die beiden Friedas mit ihrem jeweiligen Brei?", sagt Conny, und ich höre mich fragen: "Beide?" Schon habe ich zwei Schälchen und zwei vor lauter Vorfreude quiekende Friedas links und rechts von mir. Da die beiden noch in der Eingewöhnungsphase sind, werden sie von ihren Müttern um kurz nach 12 abgeholt.
Nach dem Zähneputzen unter meiner Aufsicht geht"s ins Bett. Leider nicht für mich. Conny macht die Einschlafwächterin, und ich besinge mit Tom und Marlene, die nicht ins Bett müssen, die gute alte "Biene Maja". Das war es dann auch mit meinem Repertoire, denn Benjamin Blümchen scheint in den letzten 27 Jahren tatsächlich seine Titelmelodie geändert zu haben.
Um 13.45 Uhr heißt es Aufstehen und Windeln für alle. Der obligatorische "Kaffeeklatsch" bei Tee, Trauben und Leberwurstbrot läutet den Nachmittag ein. Die Kinder dürfen danach wieder nach draußen, ich auf die heimische Couch. Um 15.30 Uhr, und damit eine Stunde vor dem offiziellen Ende, gibt mir Conny frei. Nicht ohne ein kleines Lob, was mich trotz großer Müdigkeit stolz macht. Die heutige Nacht wird mit Sicherheit ruhig.
Artikel vom 23.10.2010