Elisabeth-Selbert-Gesamtschule

Regelschule trotz Verhaltensauffälligkeit

BAD GODESBERG.  In der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule in Bad Godesberg gibt es gemeinsamen Unterricht für Kinder mit und ohne Förderbedarf.

Im Tandem: Sonderpädagogin Daniela Jacob (Foto) unterrichtet mit ihrer Kollegin, der Regelschullehrerin Gesine Jordan, gemeinsam die Kinder. Foto: Ronald Friese

Was, in dieser sechsten Klasse der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule in Bad Godesberg sollen unter 25 Schülern auch sieben Förderkinder sein? Auch nach einer Viertelstunde Unterricht ist der Außenstehende nicht sicher, wie diese muntere Truppe genau zusammengesetzt ist, zumal körperliche Behinderungen nicht ins Auge fallen.

Anna (alle Kindernamen geändert), die in der ersten Reihe sitzt, beantwortet gerade die Frage der Zahnpflege-Fachfrau Gabi Rönn richtig. Dabei kam die in einer Jugendhilfeeinrichtung lebende Anna 2010 "mit starken aggressiven Tendenzen" in die Klasse, wie Sonderpädagogin Daniela Jacob berichtet. Das Mädchen benötigt Erziehungshilfe. "In der Pause trat Anna schon mal um sich und verweigerte sich." Die Klasse habe Anna geholfen, durch feste Beziehungsstrukturen ihre Ausraster langsam einzudämmen. Sensibel erarbeitete Jacob mit Klassenlehrerin Gesine Jordan Strategien im Umgang mit der Verhaltensauffälligkeit. "Und jetzt hat Anna sogar richtige Freundinnen."

Und Moritz in der letzten Reihe soll Lernförderung benötigen? Nachdenklich sitzt der Elfjährige vor seinem Aufgabenblatt. "Vor einem Jahr noch hätte Moritz sofort aufgegeben und gesagt: 'Jetzt kann ich nicht mehr'", erzählt die Sonderpädagogin leise. Das Lehrerinnen-Duo stellt dem Jungen nun in jedem Fach in kleinen Schritten zusätzliches Übungsmaterial zusammen. Jetzt werfe Moritz nicht mehr so schnell die Flinte ins Korn.

"Komm, ich zeige dir das jetzt mal", beugt sich Sitznachbar Felix mit über Moritz' Übungsblatt. Mit einer frappierenden Selbstverständlichkeit erklärt er dem Klassenkameraden die Aufgabe. Natürlich habe es im ersten gemeinsamen Jahr integrativen Unterrichts die eine oder andere Fiesheit unter den Kindern gegeben, gibt Jacob zu. Grund sei aber meist das Unwissen über die Eigenheiten des anderen gewesen. "Wir haben alles aufgedröselt, warum mancher sich anders benimmt, und gehen jetzt in einem angemessenen Ton miteinander um."

Für sie als Regelschullehrerin sei gerade die ständige, intensive Zusammenarbeit mit der Sonderpädagogin ein großer Gewinn, erläutert Gesine Jordan. Über Diagnosen und Strategien zu den Kindern, auch für einige ohne offiziellen Förderbedarf, werde man sich einig, und über Lernperspektiven für jeden Einzelnen. "Wir fragen uns auch in der Unterrichtsplanung immer wieder neu: Was können sie schaffen, und wie geht der Weg dahin?"

In Frontal-Phasen führe die Eine das Unterrichtsgespräch. Die Andere achtet derweil darauf, dass konzentrationsschwache Schüler am Ball bleiben: nonverbal oder im Flüsterton, sonst werde es unruhig. In Arbeitsphasen geben beide individuelle Hilfen. Und wie reagierten die Kinder ohne Förderbedarf, eventuell besonders Begabte, wie deren Eltern? "Das ist ja das Tolle: Wir sind immer zu zweit und können auch die Leistungsstarken weiter fördern. Das schätzen auch die Familien", meint Jacob.

Gerade werden Kinder gesucht, die Übungszahnbürsten verteilen. Anna ist sofort dabei und gibt die Päckchen stolz durch die Reihen. "Vor einiger Zeit hätte sie sich noch abgekapselt", kommentieren die Pädagoginnen. Auch Moritz hat sich nach anfänglichem Zögern getraut, mitzuarbeiten. Jetzt reicht er Felix, der wegen Herumalberns ermahnt werden musste, dessen Zahnputzset. "Sie sind halt wie eine richtige Familie zusammengewachsen", sagt Jacob.

Integrativer Unterricht: Je zwei von sechs Klassen jeder Stufe der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule nehmen im Schnitt je sechs Förderkinder auf: mit körperlicher, geistiger, emotionaler, sozialer oder Lernbehinderung. "Die gute Mischung auch in der Restklasse müssen wir dabei ausbalancieren", sagt Direktorin Andrea Frings. Es stünden nach dem aktuellen Fördermodell jeweils ein Lehrer und ein Sonderpädagoge pro Integrationsklasse zur Verfügung. "Es könnte aber sein, dass da zukünftig gespart werden muss", befürchtet Frings.

Eigentlich sollten ihrer Meinung nach mit dem Ziel Inklusion alle Schulen Förderkinder aufnehmen, damit nicht nur die Gesamtschulen ihre Aufgaben erfüllten. Denn der Andrang auf die Förderplätze sei riesig. Die Folgen integrativer Arbeit seien übrigens erfreulich: "Dadurch, dass alle in der Schule soziale Fähigkeiten entwickeln, ist es bei uns ganz ruhig und friedlich auf den Fluren und dem Schulhof."

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