Nach 80 Jahren: Abschied von Tante Emma Laden

Bonn.  Sie sind nur noch selten zu finden - die Tante Emma Läden. Diese urigen Lebensmittelgeschäfte auf kleiner Fläche, wo der Kunde alles zum Leben findet, aber auch Mensch sein darf und sich an der Kasse seine Sorgen und Nöte von der Seele redet. So wie auf der Bornheimer Straße 142, im Edeka Einzelhandel von Bert Brust (84).
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Immer ein freundliches Wort für die Kunden: Seit ihrer Ausbildung arbeitet Lisa Greis im Lebensmittelmarkt an der Bornheimer Straße. Foto: Barbara Frommann

Hier kennt man sich und hat jahrzehntelang gemeinsam gearbeitet und gelebt. Doch diese Zeiten sollen nun vorbei sein, denn nach stolzen 80 Jahren wird der Laden am 1. März wegen Geschäftsaufgabe geschlossen.

Nicht nur die Discounter haben die Kunden über die Jahre fern bleiben lassen, die bevorstehende Neueröffnung eines Edeka-Marktes mit 2000 Quadratmetern Fläche, direkt nebenan auf dem ehemalige Thyssen-Schulte-Areal, gibt nun den letzten Ausschlag. "Die Expansion frisst ihre eigenen Kinder. Wir müssen zwangsläufig schließen. Das ist sehr schade, aber leider nicht zu ändern", bedauert Brust.

Doch hier geht nicht nur ein Betrieb zu Ende, sondern eine Ära. 1932 eröffnete der Familienbetrieb als kleiner Lebensmittelladen auf der gegenüberliegenden Seite. Damals kamen die Kartoffeln noch vom Wagen, die Heringe aus dem Fass und die Bonbons aus dem Glas. Sohn und Nachfolger Bert Brust (84), gelernter Landwirtschaftsgehilfe, übernahm den Laden seiner Eltern 1950 und erinnert sich noch gut an die dramatischen Zeiten nach dem Krieg. "Die Zahl der Diebstähle nahm damals rasant zu. Wir haben jeden Tag die Lebensmittel aus unserem Laden in unsere Wohnung im ersten Stock tragen müssen."

In den nachfolgenden Expansionsjahren ist Bert Brust dann in das Haus mit der Nummer 142 umgezogen und hat den heutigen Laden "mit zwei Gehilfen, nach Marke Eigenbau selbst gestaltet", erzählt er.

Bert Brusts Laden ist mehr als nur ein Betrieb, er ist eine seit Jahren gewachsene Institution, besonders für die älteren Kunden. "Viele kommen schon seit über 50 Jahren hier einkaufen. Wir sprechen uns mit Vornamen an. Man kennt Sorgen und Nöte, das fehlt in den großen Märkten", erzählt Mechtild Achenbach, die seit 1964 hier arbeitet. Viele Anwohner holen sich mittags eine frischzubereitete Mahlzeit ab, Artikelpreise werden noch mit der Hand eingetippt und wer knapp bei Kasse ist, der darf - außer Alkohol und Zigaretten - anschreiben lassen.

 "Wo gibt es das noch?", fragt Helga Kastner (80), die seit 35 Jahren im Laden aushilft. "Die Harmonie, die hier herrscht, die gibt es in den großen Discountern nicht. Hier vertraut man sich noch." Und das Betriebsklima scheint einmalig zu sein. Von sechs Angestellten sind fünf bereits über 60 Jahre alt. Sie müssten nicht mehr arbeiten, doch sie wollen es.

"Wir nennen uns auch den Ü-60 Laden", schmunzelt Achenbach. Der Grund weshalb sie noch nicht ans Aufhören dachte: "Es ist einfach ein Stück zu Hause." So wie für Lisa Greis (67). Sie hat mit 14 Jahren ihre Ausbildung im Laden begonnen und ist nach 54 Jahren nun die langjährigste Mitarbeiterin. "Wir sind nicht einfach nur ein Betrieb", erklärt sie, "wir sind eine Familie."

Zum 80-jährigen Bestehen gab es Sekt und Glühwein aufs Haus. Dazu konnte man sich bei selbstgemachtem Kartoffelsalat und Mettbrötchen noch einmal umsorgt und heimisch fühlen. Doch die Wehmut blieb. So ging es auch Pepe Bastian (57), der seit 11 Jahren im Laden ein und aus geht. "Ich gehöre hier schon zum Inventar, und dass das hier zu macht, ist wirklich schlimm für mich." Auf die Frage, was er künftig macht, antwortet er ganz selbstverständlich: "Ich glaube, dann gewöhne ich mir das Essen ab. Denn der Laden hier, das ist eine Legende."

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