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Missbrauch: Bislang liegen 35 Fälle auf dem Tisch
Von Ebba Hagenberg-Miliu
Ein neues Team um Julia Zinsmeister übernimmt die Aufklärungsarbeit am Bad Godesberger Aloisiuskolleg.
Untersuchen und bewerten die Missbrauchsfälle am Bad Godesberger Aloisiuskolleg: Rechtsprofessorin Julia Zinsmeister (links) und Rechtsanwältin Petra Ladenburger. Foto: privat
Bad Godesberg. Die unabhängige Kommission zur Aufklärung der Missbrauchsfälle am Aloisiuskolleg (Ako) unter Leitung der Kölner Rechtsprofessorin Julia Zinsmeister legt erste Ergebnisse vor. "Wir sind dabei, die vorliegenden Berichte von Betroffenen juristisch auszuwerten und den Umgang der Verantwortlichen mit Verdachtsmomenten zu überprüfen", sagte die Professorin der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln dem General-Anzeiger.
Zinsmeister wird von der Rechtsanwältin Petra Ladenburger und der Diplom-Pädagogin Inge Mitlacher unterstützt. Das Team, das im Fall des Ako seit Juni die Arbeit der Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue übernommen hat, geht derzeit von den bislang bekannten 35 Fällen aus, in denen es sich um Misshandlung und Missbrauch durch Jesuitenpatres und AKO-Mitarbeiter ab den 50er Jahren handelt.
"Viele Angaben werden durch die Aussagen ehemaliger Mitschüler, Mitarbeiter oder Eltern gestützt", berichtet Zinsmeister. Nach dem Tod eines vielfach belasteten Ako-Paters ermittle die Staatsanwaltschaft gegenwärtig noch gegen zwei Mitarbeiter. Einer, ein aktueller Mitarbeiter der Ako-Nachmittagsbetreuung und eines schulnahen Vereins, wurde im Juli von der Kollegleitung freigestellt ( der GA berichtete).
Bei der zweiten Person dürfte es sich um Ex-Rektor Theo Schneider handeln, dem mögliche Mitwisserschaft vorgeworfen wird.
"Wir gehen aber auch davon aus, dass sich zahlreiche betroffene Altschüler bislang nicht gemeldet haben", sagt Zinsmeister. Die Kommission nehme alle Hinweise entgegen und leite sie nur mit Zustimmung der Betroffenen an Kolleg, Orden und andere Stellen weiter. Laut Zinsmeister prüfe man neben der individuellen Täterschaft die Verantwortlichkeit der Kolleg- und Ordensleitung sowie die Rolle der staatlichen Aufsichtsbehörden.
"Uns interessieren nicht alleine die strafrechtliche Schuld, sondern auch Beobachtungen scheinbar harmloserer Grenzverletzungen bis in die Gegenwart", sagt die Juristin. Sie könnten Aufschluss geben, wie und warum die Täter ebenso offenkundig wie folgenlos die Grenzen professioneller Nähe und Distanz verschieben und ihre Stellung als Autoritäts- und Vertrauenspersonen missbrauchen konnten, um einzelne Kinder zu privilegieren, andere zu demütigen, zu misshandeln und sich sexuell gefügig zu machen.
Dafür hätten auch Vertreter des Ordens, des Kollegs und der Opfergruppe Eckiger Tisch aktive Aufklärungsmitarbeit zugesagt. Die Vorlage des Abschlussberichts sei zum Jahresende geplant, so Zinsmeister. Für die betroffenen Altschüler bedeute dies natürlich erneut eine lange Zeit des Wartens. Ordens- und Kollegleitung hätten dem Team aber versichert, diese Zeit zur weiteren Aufarbeitung zu nutzen. Dazu zählte die Fortführung der Diskussion über angemessene Formen der Entschädigung und über geeignete Präventionsstrategien.
Christine Bergmann, die bundesweite Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, hatte kürzlich in der Süddeutschen Zeitung auch den zögerlichen Jesuitenorden aufgefordert, bei der Entschädigung der Opfer "mit gutem Beispiel voranzugehen" und nicht auf die Ergebnisse des nächsten Runden Tischs zu warten.
Als externe Untersuchungskommission könne man klären, wie die Beteiligten sich fachlich korrekt hätten verhalten müssen, so Julia Zinsmeister. "Wir können die Strukturen herausarbeiten, die dazu beigetragen haben, dass sich niemand schützend vor die Kinder stellte. Diese Strukturen zu verändern, liegt jedoch in der Kompetenz und Verantwortung der Ordens, der Kollegsleitung und der staatlichen Aufsichtsbehörden."
In diesen Prozess müssten die Betroffenen und die aktuellen Schüler aktiv einbezogen werden. Wie ernst Schulen und soziale Einrichtungen ihren Schutzauftrag nähmen, zeige sich daran, wie transparent sie ihre Strukturen gestalteten, wie respektvoll sie Kindern begegneten, ob sie deren Hilfesignale frühzeitig wahr- und ernst nähmen und schon auf geringfügige Grenzverletzungen planvoll, sachlich und konsequent reagierten.
Kontakt: Kanzlei Petra Ladenburger, Telefonnummer (02 21) 97 31 28 80,
Artikel vom 17.08.2010
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