Kinderheim Maria im Walde: Mit Herz, Liebe und Fachverstand

IPPENDORF.  Die Arbeit hat nichts mit dem Klischee eines Waisenhauses gemein. Etwa 30 Kinder verbringen auch den Heiligabend in ihrer Wohngruppe im Heim.
Bescherung im Kinderheim: Auf große Resonanz ist die Spendenaktion von Frank Graefe und Susanne Oehm gestoßen.
							Foto: Volker Lannert
Bescherung im Kinderheim: Auf große Resonanz ist die Spendenaktion von Frank Graefe und Susanne Oehm gestoßen. Foto: Volker Lannert

Die Krippe im Foyer lässt den Besucher innehalten. Rund 100 Jahre sind die Figuren alt, die in einer sorgsam mit Moos, Kies und Ilex gestalteten Szenerie ihren Platz gefunden haben. Dass die schöne alte Krippe direkt am Eingang die Besucher empfängt, ist für Mathilde Lutz, Leiterin der Einrichtung Maria im Walde, wichtig.

"Die Atmosphäre macht etwas mit den Menschen", davon ist sie überzeugt. Zugleich ist die Krippe für Mathilde Lutz ein Statement: "Auch in einem Kinderheim wird Weihnachten gefeiert, die Kinder freuen sich aufs Fest und haben Spaß." Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Christine Brosche-Prenntzell, Koordinatorin des pädagogischen Sonderdienstes, und Gisela Grosse-Iser, stellvertretende Einrichtungsleiterin, erzählt sie, wie sie für ihre Schützlinge die Advents- und Weihnachtszeit gestalten.

Viele Menschen, so ihre Erfahrung, assoziieren mit dem Wort Kinderheim immer noch die Waisenhäuser von früher, Oliver Twist lässt grüßen. Sichtbares Zeichen: "Wir kriegen jedes Jahr Weihnachten Anrufe von Menschen, die irgendein Kind einladen wollen, um ihm eine Freude zu machen." Das möge gut gemeint sein, "ist aber unglaublich gedankenlos und passt überhaupt nicht zur Gefühlswelt der Kinder. Die kennen diese Menschen doch gar nicht".

Begegnet sie diesen Klischees vom "alten Waisenhaus", platzt Mathilde Lutz schon mal der Kragen. "Wir arbeiten hier mit Herz, Liebe und Fachverstand daran, den Kindern eine Perspektive zu geben", so Lutz. In den Advents- und Weihnachtstagen vielleicht mit noch etwas mehr Herz als sonst. Auftakt für die Adventszeit ist jedes Jahr ein Konzert, bei dem begabte junge Musiker der Yehudi Menuhin Stiftung für die Kinder musizieren. In den Tagen nach dem Konzert wird im Kinderheim die Krippe aufgebaut und jeden Donnerstag können die Kinder ein Angebot in der Kapelle nutzen, bei dem sie singen, beten, Wunschzettel an den Baum hängen oder es sich bei einem Tee gut gehen lassen.

Weihnachten sind dann noch einmal ganz besondere Tage. Die meisten der 118 Kinder, die vollstationär in der Einrichtung leben - zumeist vorübergehend, weil die Eltern überfordert sind - gehen in dieser Zeit nach Hause. Beide Seiten werden auf den Besuch vorbereitet. "Die Eltern müssen zuhause sein, es darf nicht gesoffen werden, ein kindgerechtes Geschenk sollte vorhanden sein und nicht jeder Harry und Larry rein und raus dürfen", steckt Christine Brosche-Prenntzell die Bedingungen für einen gelingenden Besuch ganz klar ab.

Rund 30 Kids sind es, die auch den Heiligabend in ihrer Wohngruppe im Heim verbringen, einige bekommen dann Besuch von Verwandten oder sogar auch mal einem Lehrer. Zehn Kinder sind es, die gar keinen "Verwandtenkontakt" haben, so der bürokratisch klingende Fachausdruck. Aber auch sie freuen sich aufs Fest. Lutz: "Sie genießen es, dass sich dann einmal alles um sie dreht und sie ihre Erzieher für sich alleine haben." In ihren Familien seien sie doch oft nur Anhängsel oder sogar lästig gewesen. Die Geschenke fallen etwas größer aus, Essenswünsche werden erfüllt oder ein schöner Film geguckt.

Um so etwas zu ermöglichen, ist die Einrichtung auf Spenden angewiesen, wie sie vor den Feiertagen beispielsweise Frank Gräfe und Susanne Oehm vorbeigebracht haben. Die beiden Friseure hatten in ihren Geschäften auf dem Brüser Berg und dem Venusberg die Wunschzettel der Kinder aus dem Heim Maria im Walde gesammelt, "und die Resonanz darauf war überwältigend, auch die Heimleitung hatte so etwas noch nicht gesehen."

Insgesamt seien Sach- und Barspenden im Wert von rund 3.200 Euro zusammengekommen - und die Kinder freuten sich über Computer, Rollerblades, Kinogutscheine oder Bastelmaterial. Mathilde Lutz: "Solche Spenden machen das Leben der Kinder bunt. Und viele Spender nehmen richtig Anteil an unserem Leben, nicht nur zu Weihnachten".

Maria im Walde

Maria im Walde ist eine Einrichtung der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in privater Trägerschaft und unterstützt ihr Klientel in Belastungssituationen. Die Palette der Angebote an den drei Bonner Standorten (Ippendorf, Bonn-Nord und Duisdorf) reicht dabei von ambulanter Familienhilfe bis hin zu speziellen vollstationären Intensivgruppen.

Die Wurzeln der Einrichtung reichen bis ins Jahr 1847. Damals wurde auf Initiative von Karl Freiherr von Boeselager und Franz-Egon Freiherr von Fürstenberg eine Stiftung unter der Aufsicht des Kölner Erzbischofs gegründet, um ein Waisenhaus einzurichten. Ein Jahr später wird das Haus hinter dem Bonner Münster in der Gangolfstraße eröffnet. 1907 wird das Haus dort aufgegeben und nahe dem Alten Friedhof ein neues gebaut - heute noch das städtische Obdachlosenasyl. Die Innenstadtlage nahe der verkehrsreichen Straße und der Bahn erscheint zunehmend schwierig, weshalb ab 1960 der Neubau auf dem Venusberg entsteht, der 1963 eingeweiht wird.

Der Name Waisenhaus wird ersetzt durch "Kinderheim Maria im Walde". 1982 übernimmt eine weltliche Führung das Ruder.

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