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Im Liegerad quer durch die USA
Von Jörg Grünefeld
Der Bonner Josef Lanning sucht die Herausforderung: Mehr als 5 000 Kilometer will er von der West- zur Ostküste der Vereinigten Staaten zurücklegen.
Bonn. Wer im Straßenverkehr auffallen will, kann sich einen teuren Sportwagen kaufen oder einen Oldtimer oder auch ein lärmendes Motorrad. Oder man kann es machen wie Josef Janning: Wenn der Professor mit seinem feuerroten "Quest", einem etwa 35 Kilogramm schweren und etwa 6 500 Euro teurem Velomobil, durch die Straßen rollt, verdrehen Passanten reihenweise die Köpfe.
Allerdings geht es dem 55-jährigen Bonner gar nicht ums Auffallen. Er ist Alltagsradler, und das Velomobil ist sein Fahrrad. Wenn auch ein besonderes: Denn unter der Kunststoffverkleidung steckt ein Liegerad, auf dem der Radler auf einem großen Sitz mehr liegend als sitzend in die Pedale tritt.
Warum dieses Rad so aussieht, ist simpel: "Die größte Kraft, die ein Radfahrer zu überwinden hat, ist der Luftwiderstand", erklärt Janning. "Entfällt ein großer Teil davon, können Radfahrer Leistungen erbringen, die sich viele nicht vorstellen können", hat Janning immer wieder festgestellt. "Ein Velomobil zu fahren, ist Rad fahren in einer anderen Dimension", schwärmt er.
Mit Leichtigkeit erreicht der Politikwissenschaftler in seinem Velomobil ein Dauertempo von 40 Stundenkilometern. Für die 32 Kilometer zum Kölner Dom kalkuliert er 50 Minuten. Höchstgeschwindigkeiten von 55 Stundenkilomtern sind im Flachen keine Seltenheit. Und als er unlängst nach Groningen musste, fuhr er die 374 Kilometer lange Strecke an einem Tag. Dabei ist Janning erst seit zweieinhalb Jahren "Velomobilist".
Auf Anraten seines Arztes fand Janning als 40-jähriger zurück zum Fahrrad. Dann setzte eine Entwicklung ein, die ihn vom Gelegenheitsradler zum Alltagsradler und schließlich zum stolzen Besitzer eines Velomobils machte. "Da konnte ich plötzlich leicht 100 Kilometer fahren, wo es zuvor nur für 40 bis 50 gereicht hatte."
Am Sonntag in einer Woche erreicht Jannings Entwicklung einen neuen Höhepunkt: Dann nämlich bricht er auf zu einer Reise quer die die USA - mit seinem Modell Quest natürlich. Zusammen mit 50 weiteren Velomobil-Piloten einmal von West nach Ost, von Portland in Oregon nach Washington D.C.
Die 74 Kilometer des ersten Tages sind nur ein leichtes Aufwärmprogramm. Für Tag zwei sind 223, für Tag drei 254, und für Tag vier 194 Kilometer vorgesehen. Insgesamt mehr als 5 000 Kilometer in viereinhalb Wochen. Start ist früh morgens, mittags ein kleine Pause, nachmittags dann die zweite Halbetappe, abends Ankunft im Quartier, vorwiegend sind es Campingplätze. Abendessen und eine kurze Besprechung beenden den Tag.
Insgesamt sind vier Ruhetage vorgesehen, an denen die Männer in ihren bunten "Zigarren" aber trotzdem eine kleine Runde drehen wollen, um die Gegend zu erkunden. Das Ziel in Washington D.C. will die pedalierende Reisegruppe am 25. August erreichen.
Organisiert hat das alles: Josef Janning. "Roll over America" (ROAM) hat er das Unterfangen genannt. Streckenplanung, Ausschreibung, Begleitfahrzeuge, Sponsorenakquise oder die Verschiffung der 24 Velomobile der europäischen Teilnehmer, die schon auf dem Seeweg nach Portland sind.
Für jeden Teilnehmer fallen Kosten von etwa 3 500 Euro an, "aber nur, weil ich das ehrenamtlich organisiert habe. Hätte das ein Reisebüro gemacht, es wäre unbezahlbar geworden." Einige Hundert Stunden hat Janning nach eigenen Angaben schon investiert. Warum das alles? "Zum einen geht es geht um das Erlebnis, die USA mit eigener Kraft zu durchfahren", aber etwas missionarischer Eifer sei schon auch dabei. "Wir sind natürlich auffällig, aber wir wollen uns auch zeigen. Wir wollen Werbung machen fürs Fahrrad und für das Velomobil."
Unterwegs trifft der Tross velophile Politiker des US-Repräsentantenhauses, empfängt politische Botschafter der EU und aus Deutschland oder örtliche Medienvertreter. "Wir werden in vielen Medien auftauchen", ist sich Janning schon jetzt sicher. "So etwas wie uns sehen die schließlich auch nicht alle Tage."
Auf ein Highlight freut er sich besonders. Wenn die 50 grellen Aero-Flitzer mitten durch die Millionenstadt Chicago rollen, geführt und geleitet von lokalen Guides. "Darauf habe ich bestanden", erklärt er strahlend, "durch eine Metropole musste ich". Nicht wenige seiner Reisepartner waren ursprünglich dagegen. Vielleicht ist "Auffallen" beim Velomobil fahren ja doch nicht so nebensächlich.
Artikel vom 13.07.2011
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