"Du kommst aus Bonn, wenn…"
Ex-Bonnerin gründete sehr erfolgreiche Facebook-Gruppe
BONN. Eine Ex-Bonnerin hat vor zwei Monaten auf Facebook eine Gruppe gegründet. Name: „Du kommst aus Bonn, wenn…“ Dort schwelgen mittlerweile mehr als 5700 Mitglieder regelmäßig in Erinnerungen.
Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von der Poststraße aus dem Jahr 1970. Also aus der Zeit, als noch Autos und die Straßenbahn durch die Bonner Geschäftsstraße fuhren. „Wie oft habe ich an der Haltestelle auf die Straßenbahn gewartet und die Straße auf und ab geschaut nach dem, was gerade so passierte. Das fühlt sich an, als wär’s gestern gewesen. Dabei ist die Aufnahme mehr als 40 Jahre alt. Nur das Haus links (Café Krimmling) steht noch“, schreibt einer verträumt.
Und dann entfacht sich eine Debatte darüber, wie denn wohl die Imbissbude hieß, die es dort einmal gab. Traudel meint nämlich, dort habe es Fritten mit der besten Schaschliksoße gegeben. War es Löhrers Snack-Bar? Nee, widerspricht einer. Löhrer sei auf der Kölnstraße gewesen. Hier auf der Facebook-Seite „Du kommst aus Bonn, wenn…“ hat sich innerhalb zwei Monaten eine virtuelle Gemeinde mit rund 5710 Mitgliedern gebildet, die stetig wächst und auf der sich etliche Fachkundige und selbsternannte Lokalhistoriker tummeln, aber vor allem Bonn-Fans und einfach Leute, die gerne Geschichten und Histörchen aus ihrer Kinder- oder Jugendzeit austauschen. Manchmal ist es fast wie auf einem Klassentreffen. Oder einem Familienfest, wenn der Onkel und die ältere Kusine von früher erzählen. „Weiß du noch…?“
Verena de Mink, eine Ex-Bonnerin aus Weeze am Niederrhein, hat diese Seite gegründet. Die heute 53-Jährige ist in Bonn aufgewachsen, hat hier ihre Sturm- und Drangzeit erlebt, wie sie sagt. „Seit letztem Sommer recherchiere ich alte Bonner Freunde über Facebook. Ich war lange in der Diskothek Madox beschäftigt, bin viel in der Falle und der Jazz-Galerie verkehrt. Ich habe Bekannte aus der Zeit gesucht“, erzählt sie. Und dann sei ihr die Idee von der Bonn-Gruppe gekommen, eine Gemeinschaft, die in Erinnerungen schwelgt und die diese mit anderen teilen möchte.
Erinnerungen wie diese zum Beispiel: Da fragt einer, wer denn auch früher morgens um vier Uhr auf dem Nach-Hause-Weg am Hintereingang der Bäckerei Caspers ehemals Hergarten an der Acherstraße warme Brötchen gekauft hat. „Da standen viele Nachtschwärmer, mit denen man kurz vorher noch am Tresen getrunken hatte“, beschreibt er. Ergebnis: 411 Kommentare.
„Das Witzige dabei ist: Was ich ursprünglich wollte, nämlich alte Freunde finden, ist mir eigentlich nicht gelungen. Ich habe keinen einzigen gefunden. Von den knapp 6000 Mitgliedern kenne ich niemanden – außer meinen bisherigen Freunden. Aber ich habe neue Bekanntschaften geknüpft“, erzählt de Mink.
Sie wird nicht die einzige gewesen sein. Denn über die Erinnerungen entdeckt man auch den einen oder anderen früheren Grundschulfreund. Da postet ein Teilnehmer ein paar Sätze über seinen Schulweg zur alten Katholischen Volksschule Plittersdorf, die bis in die sechziger Jahre noch am Rhein war. Die Kommentare kommen von allen Seiten. "Warst du etwa auch bei Frau Büdenbender in der Klasse? In welchem Jahr?" - Und schon hat man eine weitere Facebook-Freundin.
Was sind das für Menschen, die sich hier treffen, alte Fotos, teilweise sogar aus dem privaten Familienalbum, einstellen, Streiche von früher erzählen? Der Jazzgitarrist Paul Shigihara (WDR-Bigband) debattiert mit den fb-Freunden darüber, wo sie ihr erstes Instrument gekauft haben, und kündigt an, mal wieder im Traditionsschuppen Session spielen zu wollen. Der Kulturjournalist David Eisermann zeigt historisches Bildmaterial und diskutiert mit der Gruppe über Stadtentwicklung und Denkmalschutz. Stadtdechant Wilfried Schumacher teilt seine Freude darüber, dass der Helena-Schrein nach Bonn zurückkommt: "Kaiserin Helena kehrt zurück! Eine wichtige Frau für die Bonner Stadtgeschichte." Völlig Fremde gestehen, wann sie die Schule geschwänzt und im Woki, dem ersten Programmkino Bonns in der Gangolfstraße, saßen und den Tag bei B-Movies vertrödelten.
Möchten die Gruppenmitglieder ein Stück aus ihrer Kindheit und Jugend retten und bewahren? Oder gar ein neues Heimatgefühl erzeugen? De Mink: "Die Sturm-und-Drang-Zeit spielt in der Tat eine große Rolle, man erinnert sich an Discos und Kneipen. Was das Alter angeht, würde ich sagen: gemischt, aber vorwiegend älter. Neulich habe ich ein Mitglied nach seinem Alter gefragt, er war 70 und ich von den Socken." Man tauscht Nostalgisches aus der Zeit aus, als man sich nicht auf virtuellen Foren, sondern ganz real in der Kneipe traf. Natürlich erinnern sich viele an Erhard vom Madox, an die Kati vom Bla, den Harald vom Kontiki, Jörgos vom M8 oder Anne vom Schuppen.
Was die Mitglieder alle eint: Alle haben dieses gewisse Bonn-Gefühl. "Das scheint auch der Grund zu sein, warum eine solche Gruppe ausgerechnet in Bonn so knallt", meint die Initiatorin. "Es wird ganz deutlich, dass die Bonner irgendwie an ihrer Stadt hängen. Und ich persönlich kenne viele, die wieder zurückkommen - aus Brasilien, Australien und Amerika. Die Bonner lieben ihre Stadt. Sie sind heimatverbunden." Und teilweise bietet die Seite den Akteuren offenbar auch ein Ventil, ihren Ärger loszuwerden - sei es über zerschlagene Bierflaschen auf Radwegen oder die Südüberbauung.
Indes: Es hat in diesen beiden Monaten auch etwas Unruhe gegeben. Hervorgerufen durch einige, wenngleich wenige Teilnehmer, die sich nicht an die Netiquette halten wollten. "Ein Mann hat wunderschöne Fotos gepostet, daraufhin meldete sich der echte Fotograf und verwies auf die Urheberrechte", sagt Verena de Mink. Ein anderer Teilnehmer erlaubte sich anzügliche Bemerkungen. Die Gruppengründerin sah sich als Administratorin in der Pflicht und löschte den Eintrag.
Auch im Netz hat die Freiheit ihre Grenzen. Seit einer Woche kümmern sich zwei ehrenamtliche Administratoren um die Einhaltung gewisser Umgangsformen. Verena de Mink: "Ich möchte, dass wir Spaß haben; es geht vorrangig darum, Kontakte zu pflegen und Erinnerungen auszutauschen. Wir quatschen über Bonn - und machen uns nicht gegenseitig blöd an."
Die Seite funktioniert als virtueller Jungbrunnen, als Beamer in die Vergangenheit. Da fragt der Ex-Bonner Michael aus Berlin die Mitglieder, wo sie in Bonn zum ersten Mal geknutscht haben - und innerhalb von 24 Stunden antworten 95 Mitglieder.
Das Alter spielt keine Rolle. Bei manchen Teilnehmern lässt sich die Generation schon vermuten, wenn zu einem Foto aus den ersten Nachkriegstagen Alice schreibt: "Roswitha, jezz senn mir wedder jefordert, mir senn doch als Pänz dorsch de Trömmere jeloofe..Isch kannt jede Eck on Stein." Doch letztlich zählt nur die Jugend im Herzen, wie etwa Kathy-Wally findet und die Gemeinde aufruft: "Werdet bloß nicht erwachsen!"
Artikel vom 17.08.2012


