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Er erlebte die DDR-Flucht hautnah
Von Christina Fuhg
Der Jurist Hartwig Stock wirkt beim Zeitzeugenportal der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit
Bonn. Der Stempel im Dienstpass von Hartwig Stock hat fast schon etwas Unwirkliches an sich: Er belegt, dass es noch im März 1990 am Brandenburger Tor einen DDR-Grenzübergang gab. Der Jurist und heutige Leiter des Referats M II 2 (Nationaler Integrationsplan) im Bundesinnenministerium (BMI) wirkt beim Zeitzeugenportal der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit.
Schließlich weiß er aus der Zeit des Mauerfalls am 9. November 1989, der sich heute jährt, einiges zu berichten. In jenem Jahr war Stock Mitglied der damaligen gemeinsamen Grenzkommission der Bundesrepublik und der DDR, deren Aufgabe es war, Probleme an der innerdeutschen Grenze zu lösen.
Während die DDR einen Sonderbotschafter aus dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten beauftragt habe, sei die Kommission in der BRD Sache des Innenministeriums gewesen, berichtet Stock. Noch im Februar 1989 habe sie die korrekte Position von rund 2 000 Grenzsteinen dokumentiert, erinnert er sich. Bereits im Frühsommer 1990 konnte die Kommission ihre Arbeit einstellen.
"Wir sind alle vom 9. November überrascht worden", sagt der Referatsleiter heute. Der Tag sei eine logische Konsequenz der Geschehnisse. Dazu habe natürlich auch die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze gehört, meint der heute 64-Jährige, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Spontan seien die Menschen damals geflohen - gut ausgebildete junge Leute, die es in die Freiheit drängte.
Als Leiter des Aufnahmelagers für DDR-Flüchtlinge im niederbayerischen Hengersberg erlebte er die Fluchtwelle Anfang September 1989 hautnah mit. Das Zeltlager existierte nur zehn Tage lang, bot aber nach und nach insgesamt rund 5 000 Menschen eine erste Zwischenstation, in der sie erfasst und mit dem Nötigsten versorgt wurden, bevor sie wenige Tage später in das Bundesland ihrer Wahl weiterreisten.
Es war eines von mehreren Zeltlagern, die den Flüchtlingen zur Verfügung standen. Bisweilen sei das Lager mit etwa 95 Schlafzelten à sieben Betten so voll gewesen, dass auch in dem Restaurationszelt Betten aufgestellt worden seien, und Schwangere sowie Frauen mit kleinen Kindern in die Kaserne in Deggendorf umquartiert wurden, blickt Stock zurück.
Die körperliche und seelische Verfassung der Flüchtlinge sei sehr unterschiedlich gewesen, erinnert er sich: "Das ging schon unter die Haut." Zumal die in der DDR zurückgelassene Familie von der Flucht in die BRD oft nichts wusste und Angst vor Repressalien hatte. Stock zeigt eine Ausgabe der Zeitung "Neues Deutschland", dem Zentralorgan der SED, vom 19. September 1989. Darin bezichtigt das Blatt die BRD des Menschenhandels: Mit Zigaretten und Rauschgift habe sie DDR-Bürger aus Ungarn herausgelockt.
Auch an der logistischen Betreuung von DDR-Flüchtlingen der Prager Botschaft war Stock beteiligt. Nach Mitwirkung am Einigungsvertrag wechselte er im Herbst 1990 nach Mecklenburg-Vorpommern, um bei der Umstrukturierung der Volkspolizei zu einer rechtsstaatlichen Landespolizei sowie beim Aufbau einer neuen Landesregierung zu helfen. Mit Riesenskepsis habe ihn die DDR-Polizei empfangen, erinnert sich der gebürtige Bremer. Beamte mit einer Stasi-Vergangenheit wurden nicht übernommen.
Seit zwei Jahren wirkt Stock bei der Bundesstiftung Aufarbeitung als Zeitzeuge mit. "Für Jüngere ist das Zeitgeschichte", sagt er. Dabei zeigten sich Jugendliche mit Wurzeln in den neuen Bundesländern besonders interessiert.
Artikel vom 09.11.2011
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